Samstag, 3. November 2007

Der 10. Tag, Teil 2. Der Abend im Wadi Rum



Was soll ich euch über das Wadi Rum besseres sagen als: Es ist so fantastisch, fahrt selber hin und schaut nach! Lawrence von Arabien war da und die Leute, die den gleichnamigen Film über ihn gedreht haben. Also auch die beiden Hauptdarsteller, Omar Sharif und Peter O’Toole.

Der Film erhielt sieben Oscars, wovon mindestens einer an die Landschaft gehen müsste. Das Wadi Rum ist eben nicht Wüste so weit das Auge reicht, sondern eine Wüstenlandschaft, die durch steil aufragende bizarre Felsblöcke verstellt ist. Rötliche Felsen, in denen das Licht je nach Art der Sonneneinstrahlung stimmungsvolle Farben zeichnet.

Wer das Wadi Rum allerdings für eine Wildnis hält, in der man ab und an auf ein paar Kamele und einen Reiter trifft, hat sich geirrt. Das Wadi ist touristisch voll erschlossen – in mehreren Zeltlagern bieten zahlreiche Veranstalter Übernachtungen in der Wüste an. Die Zelte sind komfortable kleine Pavillons, in denen Metall oder Holzbetten stehen – manches sieht ein bisschen wie Ikea aus. Wer einen Abend unter dem Wüstensternenhimmel erwartet, wird enttäuscht werden. Die Zelttüren sind durch zweilagige schwere Decken verschlossen – das soll die Kälte draußen halten. Was es nicht draußen lässt, ist der Lärm. Denn in einigen dieser Zeltlager ist es mit der Ruhe nicht weit her – es gibt dröhnende Dance- und Diskomusik. Vor solchen Lagern hat der Reiseführer gewarnt. Aber genau ein solches Lager haben die Veranstalter der Rallye Allgäu Orient für uns herausgesucht. Stellte sich allerdings erst ein paar Stunden später heraus.

Jetzt ging es ans Orientieren – gibt es Duschen und WC? Welches Zelt wählen wir, wo gibt es Steckdosen zum Laden der Kameraakkus, wo gibt es kühle Getränke, wird es Bier geben? Und vor allem – wie kommen wir jetzt noch vor Einbruch der Dunkelheit mit unserem Team weiter ins Innere des Wadi Rum? Vor dem Eingang zum Lager entdecken wir einen Geländewagen. Genau das Richtige – ob wir den mieten können? Ja schon, aber nicht als Selbstfahrer. Die gleiche Idee hatte wohl Franz, der freundliche Rallye-Oberschwabe. Unsere Teammitglieder waren von dem Mietwagenausflug nicht so begeistert. Die wollten lieber selbst fahren. Also setzte sich unser Guide Audh Al-Hasanat ans Steuer und raste los. Albert und Petra im Opel Frontera hinterher. Dann die beiden Jungs Helmut und Aui im Audi Quattro. Ich sage nur soviel: Man sollte der Audi Quattro Werbung nicht allzu sehr vertrauen. Oder: Ein Auto, das Sprungschanzen hochfährt, kann im kleinsten Sandkasten fahruntüchtig werden. Weil Bilder mehr als Worte sagen, nehmt das hier:



Und weil die Selbstbefreiungsversuche seine Kupplung schon nach wenigen Sekunden in Rauch auflösten, wurde der Audi mit vereinten Kräften aus dem Sand gezogen, ein bisserl angeschleppt und dann tschüß zur Rückfahrt. Müsst ihr halt aufpassen, dass ihr nicht mehr auf weiches Gelände geratet, sondern dort entlang fahrt, wo der Sand schön verdichtet ist. Möglicherweise erkennt man das als Beduine. Aber Wolferstädter sind keine Nomaden.



Zu den Sehenswürdigkeiten unseres Wüstenausfluges gehörte folgendes: Eine begehbare Felsspalte mit einer uralten in den Stein eingeritzten Zeichnung, die das Wadi Rum auf einer Karte darstellt. Die Karte enthält alle markanten Berge und die Wasserstellen. Seltsamerweise waren Berge als Löcher eingezeichnet – je höher ein Berg in Wirklichkeit, desto tiefer das Loche in der Felsplattenkarte. Dann die zweitwichtigste Stelle im Wadi Rum: der Ort, an dem unser Guide geboren wurde – wie es sich für eine Beduinen gehört – in der Wüste im Schatten eines Felsmassivs. Genau einen solchen Schatten wollten wir später noch für uns finden, um Rast zu machen und Tee zu trinken. Genau deshalb stoppten wir immer wieder, um tote Wurzeln als Brennmaterial aus dem Boden zu reißen. Zwischen diesen Stopps rasten oder sprangen wir über die holprige Wüste, der Fahrer brachte das Auto in extreme Schräglage oder stürzte es die Dünen hinunter. Wenn ich das Englisch vorgetragene Beduinenlatein richtig verstanden habe: er fährt schon seit dem 8. Lebensjahr Auto. Mit 12 kaufte er sich das erste eigene und schipperte abenteuerlustige Touristen durch die Weiten der Wüste. Oder so ähnlich.

Wer unseren Fahrer übrigens kennen lernen will – er ist gleichzeitig Reiseveranstalter und Wadi Rum Campbesitzer (mehrfacher). Hier seine Website mit Kontaktadresse.
Übrigens ging es dann viel zu schnell ins Camp zurück. Also ohne Teetrinken in der Wüste. Die Guides hatten Angst vor einem Sandsturm, der am Horizont herankam. Wir empfanden das als Glück: einmal in der Wüste und dann gleich Sandsturm.



Na gut. Trinken können wir auch woanders. Was besonders lecker schmeckte. Das Partyfässchen Rothaus, das die cleveren Oberschwaben gut gekühlt angezapft hatten.

Heutzutage wird ja jeder Touristenabend gleich zum bedröhnten Event. Deshalb gab es noch die Vorführung von Beduinentänzen – was man sich als langsames Laufen im Kreis vorstellen muss und ab und zu einen Bocksprung dazwischen. Natürlich tanzt der Beduine ohne Frauen – reine Männersache. Zuhause hat er ohnehin so viele Frauen, dass er froh ist, sie nicht auch noch zum Tanze mitnehmen zu müssen. Die Vielehe ist übrigens unter den Beduinen noch immer Prestigesache. Man zeigt seinen Reichtum nicht durch Luxuskarossen oder Armani-Anzüge, sondern durch die Anzahl seiner Frauen. Die leben übrigens nicht alle unter einem Dach zusammen. Nein, der Vielweiber-Beduine finanziert – wenn möglich – jeder Frau ein eigenes Haus und legt sein Ohr und andere Körperteile dort zum Schlafen, wo es ihm gerade am meisten Freude bereitet.

Apropos schlafen. Wir gingen gegen Mitternacht auch zum Schlafen. Allerdings nicht in eines der dunklen Zelte, sondern unter dem freien Sternenhimmel. Auf einem Felsplateau oberhalb des Lagers konnten wir den Sternenhimmel so richtig genießen. Wenn nur nicht die wummernden Bässe die halbe Nacht zu uns heraufgedrungen wären Aber vielleicht war ein bisschen Lärm ganz gut. So konnte man beruhigt von diesen Zivilisationsgeräuschen einschlafen und musste nicht auf das Rascheln von Skorpionen, Schlangen und Wüstenfüchsen horchen.




Montag, 6. August 2007

Der 10. Tag, 27.05.07: Von Al Azrak ins Wadi Rum, Teil 1

Heute gefahren: 410 km

Der Tag begann sehr trocken. Wer noch vor dem Morgengrauen aufgestanden und zum Duschen gegangen war, der hatte noch Wasser. Der eine oder andere stand tatsächlich bereits ausgezogen unter einem versiegten Duschkopf. Egal, frühstücken kann man auch ungewaschen. Der nächste Überraschungseffekt kam dann beim Teeschlürfen – eine bayerische Blaskapelle, die in Trachten in unseren mit Schilfmatten beschattete Veranda einmarschierte. Das kam schon mal ziemlich gut und passte zur relaxten Stimmung. Nach dem gestrigen Wüstentrip war uns klar – so gut kann es heute nimmer werden. Die kindliche Vorfreude war einer entspannten Lässigkeit gewichen. Anstelle einer dirt road würden wir den desert highway bis ins Wadi Rum benutzen. Wie lange es dauern würde – keine Ahnung. Nachdem wir uns regelmäßig in den letzten Tagen verschätzt hatten, wagten wir keine Prognose.



Zusammen mit einigen anderen Teams machten wir erst mal einen Abstecher in das Wüstenschloss von Al Azrak. Laut Reiseführer deshalb das berühmteste, da in ihm Lawrence von Arabien einen Winter mit seinen Kämpfern verbracht hatte. Unvorstellbar – es seien einige seiner Leute in dem strengen Winter von 1849 sogar erfroren. Immerhin war dieses Wüstenschloss mehr als ein aufgeschichteter Haufen Feldsteine – es gab durchaus noch ein paar Stufen zum auf und abklettern und ein paar höhlenartige Räume. Wer beim Gedanken an Wüstenschlösser aber ein jordanisches Neuschwanstein vor dem geistigen Auge erwartet hatte, so wie ich, musste enttäuscht sein.

Besser gefiel mir der Stop an der Tankstelle – etwa 60 Cent der Liter. Noch besser war der Eisverkäufer, der mit einer Stange Trockeneis auf den Schultern zu den Rallyefahrzeugen spazierte und ihnen für einen jordanischen Dollar soviel Eis sie nur wollten in die Kühlboxen schredderte. Dazu benutzte er den gleichen spitzen Eispickel mit dem Sharon Stone einstmals auf Michael Douglas losgegangen war.







Und dann nichts wie rauf auf den Highway – das Wadi Rum und die Tagesaufgabe waren noch ein paar Stunden entfernt. Der Highway zog sich tatsächlich flimmernd und schnurgerade dahin, in einer ödern, flachen Landschaft. Nur wenige Fahrzeuge bewegten sich auf dieser Strecke, am häufigsten noch LKW und Tanklaster.
Mittagsrast machten wir in einem kleinen unscheinbaren Gebäude – einer Art Rasthaus, in dem es Getränke, Speisen, Eis und einen Shop mit Souvenirs gab.



Das war der Moment als wir Helmut mit arabischem Kopfschmuck verkleideten. Was dem so gut gefiel, dass er ihn für ein paar Tage nicht mehr abnahm. Ob es den Arabern gefällt, wenn wir Europäer ihre Landestracht annahmen? Um das zu wissen, müsste man jetzt einen Bayern fragen wie ihm Chinesen mit Gamsbart-Hut gefallen. Da wir dazu aber keine Zeit hatten, rasten wir weiter. Zwei männliche Teammitglieder saßen geschwächt in den Fahrzeugen – so etwas wie Montezumas Rache hatte zugeschlagen. Magenbeschwerden hinderten sie daran fröhlicher dreinzublicken – der Virus, der sie befallen hatte, scherte sich um keines der mitgebrachten Magen-Darmpräparate. Um Pfefferminztee übrigens auch nicht.

Was für ein genialer und unbeschreiblicher Moment als der öde und schnurgerade Wüstenhighway mit einem Mal in die Tiefe führte und einen weiten Blick auf eine von Felsen zerklüftete Wüstenlandschaft freigab. Es war völlig unerwartet. Wer zwei Tage in einem topfebenen Sandkasten verbracht hatte wie wir, wurde von der Berg- oder Felskulisse in Bann gezogen. Rote, aberwitzig zerklüftete, mal schroffe, mal geglättete Felsen in einem Meer aus Sand – das war das Wadi Rum, dem wir uns näherten.

Die Tagesaufgabe habe ich schon erwähnt, aber nicht gesagt, dass sie sich verdammt schwierig anhörte. Wir sollten einen Wüstenpolizist mit Knarre in der Hand auf einem unserer Fahrzeuge platzieren und das Beweisfoto mitbringen. Keine Ahnung woher wir einen Wüstenpolizisten nehmen sollten. An der nächsten Kaserne vielleicht?




Die Leute benahmen sich verdammt wichtig – war wohl auch Militär. Aber der Dialog war irgendwie lockerer als mit einem Wachtposten der Bundeswehr. Kurze Rücksprache mit einem Vorgesetzten – dann wurden wir in den Kasernenvorhof hinein gebeten – und dort gleich von einer Gruppe Soldaten umringt. Dank perfekter Englischkenntnisse hüben wie drüben verstand uns die Gegenseite auf Anhieb. Aber die Vorgesetzten verstanden keinen Spaß. Fotografieren von militärischen Anlagen oder Personen war strengstens verboten, weder mit noch ohne Knarre. Und von einer Karriere als Kühlerfigur träumte offenbar auch keiner. Das einzige, was wir fotografieren durften, war ein sehr heroisches Wandbild des Königs an der Außenfassade des Gebäudes. Das war zwar weder pittoresk noch sonst wie sehenswert, aber anstandshalber drückte ich auf den Auslöser. Man soll ja im Orient keine Einladungen ausschlagen, heißt es.

Also weiter. Bei der nächsten Kaserne – hier waren wohl ganz normale Polizisten kaserniert – trafen wir einen Uniformierten auf dem Nachhauseweg. Es ging eine Zeit lang, bis der die Lage komplett gecheckt hatte – er wollte wohl sichergehen, dass es sich bei uns nicht um Israelis handelte und dann hatten wir unser Model! Ja!! Wirklich!! Auch ihm war es streng verboten sich mit Waffe und Uniform fotografieren zu lassen, deshalb gibt es davon auch hier keine Bilder zu sehen. Wir schossen die Fotos im ummauerten Sichtschutz seines Vorgartens, er allein mit der Knarre auf dem Santana, wir zusammen mit ihm und dann noch ein paar Bilder mit Helmut als westlicher Geisel und Hassan – so hieß er – als muslimischem Entführer. Sollte ich jemals in Geldschwierigkeiten geraten, werde ich die an die Bild-Zeitung verkaufen, die dann titeln darf "Deutscher Bürger schwebt in Todesangst". Niemand wird dann auffallen dass Helmut eigentlich lachte. Man wird es als schmerzverzerrte Grimasse deuten.

Montag, 9. Juli 2007

Der neunte Tag, 26.05.07: Von Damaskus nach Al-Azrak

Heute gefahren 360 km

Heute werden wir die syrisch-jordanische Grenze überqueren und das eigentliche Ziel der Rallye erreichen: Jordanien. Wir werden in die Wüste fahren, Kamele streicheln und in Oasen campen. Denken wir jedenfalls.
Hochmotiviert geht’s ab in den Frühstücksaal, wo uns ein einfaches Frühstück erwartet: Schwarze Oliven, Fladenbrot, ein Ei, Gurke und Marmelade. Wir sind schließlich in einem christlichen Gästehaus und in keinem Luxushotel! Chaddah hat versprochen uns noch aus der Stadt zu geleiten – damit wir den Weg zur Schnellstraße Richtung Jordanien auch finden. Er kommt wieder pünktlich und hat Abschiedsgeschenke dabei – für jedes Paar ein kleines Fläschchen Arrak. Für mich ein großes. Ich hatte mich bereits am Vorabend als Arrak Fan geoutet! Und irgendwie ist das wohl der Dank, dass Katja und ich ihm einen alten deutschen Bierkrug und etliche geschmuggelte Dosen Weißbier zur Begrüßung überreicht haben. Dabei hatte gestern jeder schon ein Tuch als Geschenk erhalten – als Sonnenschutz für die Wüstentage. Es ist halt schwer, syrische Gastfreundschaft zu toppen. Den ganzen gestrigen Tag bestand er darauf sämtliche Rechnungen zu bezahlen. Sogar die Ansichtspostkarten, die wir kauften, konnten wir nicht selbst bezahlen. Zumindest am Abend wollten wir die Rechnung für das Gelage übernehmen – was er uns schließlich nach langem Zögern erlaubte. Aber die Summe war mit 60 Dollar so lächerlich niedrig, dass auch da was nicht stimmen konnte. Vielleicht bezahlten wir nur das Trinkgeld?

Noch ein letztes Mal in Syrien tanken – 40 Cent – wer weiß, ob wir es noch mal so billig bekommen, Alberts ADAC-Reiseführer glaubt es jedenfalls nicht. Im Wahnsinnsgewimmel an den Zapfstationen fängt sich der Audi noch eine kleine Beule ein. Ein Syrer hatte unachtsam zurückgesetzt. Na und? Das ist schließlich ein Rallyeauto!

Am Highway gibt es noch ein paar Einkaufsmöglichkeiten. Wir brauchen Wasser, ganz viel Wasser. Ein bisschen Obst und Brot. Der Laden ist von verblüffendem Chic. Eine Riesenauswahl an Essbarem, offen oder appetitlich verpackt, gleich im Eingangsbereich fällt der Blick auf einen Brotpaternoster hinter der ersten Verkaufstheke. Dort fahren richtige Brote – keine Fladen – zu Werbezwecken an der Wand auf und unsichtbar wieder ab. Wir stopfen uns in dieser syrischen Raststätte, die einem Gourmet-Tempel ähnelt, die Taschen voll, erwerben zwei Sorten heißer Minipizzen und seltsam aussehendes Gebäck, das beim Hineinbeißen staubt. Dann geht’s ab. Raus aus der Stadt durch eine karge Landschaft mit diesen oder jenen Plantagen. Kleine Bewässerungsgräben halten das Ganze am Wachsen. Manchmal dienen diese auch als Badestellen – die Wasserrinnen, die im Schatten liegen, sind bevölkert – vor allem Familien genießen hier den Feiertag. Verhüllte Frauen waten im Wasser, kleine Kinder tollen nackt darin herum.

Und jetzt zur jordanischen Grenze. Wer da eine Grenzprozedur à la Syrien erwartet, muss sich wundern. Mehr als ein „Welcome“ ist auf der jordanischen Seite nicht drin! Wir werden vom ersten Posten durchgewunken und zum großen Parkplatz des Rallyetrosses geschickt. Alle Prozeduren finden jetzt unsichtbar statt. Was erforderlich ist, um nach Jordanien einzureisen, nimmt uns die Organisation ab. Wir plaudern mit anderen Teams, tauschen ein paar Jordanische Dollars – liebevoll Jedis genannt – und erhalten einen sorgfältig ausgearbeiteten Straßenplan, der so aussieht. (bild folgt)
Darin sind die Aufgaben des heutigen Tages versteckt. Die Käserei finden und durch die Wüste ins Camp fahren. Dann überqueren wir die Grenze auf der Diplomatenspur, vorbei an einem Autofriedhof. Vom Oldtimer bis zur jüngsten Luxuskarosse ist alles dabei – ein Mix aus Fahrzeugen, die offenbar den erforderliche Einfuhrzoll nicht bezahlt haben. Als Rallyeteilnehmer bleibt uns dies erspart – Gerüchten zufolge beträgt der Einfuhrzoll mehrere tausend Dollar. Dafür würden wir uns von Carlos jederzeit trennen. Aber bezahlen müssen wir auch – kurz nach der Grenze erwarten uns die jordanischen Sponsoren und bekleben die Autos wie wild und völlig planlos. Die kunstvoll geplante Harmonie ist damit zerstört.

Um 14.15 Uhr finden wir die Käserei oder das, was sie mal werden soll. Ehrlich, wir sind erschüttert wie wenig in einem Jahr hier passiert ist, gerade mal ein paar Grundmauern sind hochgezogen, ein kleines einstöckiges Gebäude (sieht mehr nach einem Geräteschuppen aus) steht da und ein paar Handwerker agieren wie Statisten in einem Entwicklungshilfe-Schauspiel, dessen Regieanweisung offenbar lautet: für den Staatsbesuch Geschäftigkeit vortäuschen. Die Faktoren Zeit und Geld lassen uns zweifeln. Zeit. In einem Jahr muss selbst mit einem Bautrupp von 2 Leuten mehr zu schaffen sein. Für 40.000 Euro sollte man mehr als die paar Steine bekommen. Ob die Spendengeldern hier richtig eingesetzt sind, vollständig angekommen oder die Leute überhaupt motiviert sind Käse herzustellen – es sieht jedenfalls recht zweifelhaft aus. Überhaupt: das mit der Milchbeschaffung haben wir nicht so recht kapiert. Große Schafherden haben wir nicht gesehen und Kühe dürften sie in der Steinwüste kaum satt bekommen. Wir schießen die Erinnerungsfotos und brechen zur spannendsten Aufgabe der ganzen Rallye auf. Den Weg in die Wüste. Rund 60 km dürfen wir nun dirt road fahren – vorausgesetzt wir finden sie. Ein Indiz, dass wir richtig sind, liegt am Weg: Das Wüstenschloss El Jamal. Der Eingang zur Wüste ist leicht zu finden – ein Geländewagen der Highway Patrol fährt vorneweg. Aber offenbar kennen die sich an einigen Stellen auch nicht so recht aus. Wir fahren zwar schon längst auf der Dreckpiste aber offenbar nicht auf der richtigen. Erst bleiben die Polizisten stehen, um ein paar Beduinen zu fragen – dann geht es wieder ein Stück zurück. Irgendwann winken sie uns ab – hier lang. Und wir fahren allein los. Aber irgendwas kann nicht stimmen. Der Weg geht weder in die Wüste noch zu dem Wüstenschloss. Über 2 Stunden irren wir herum auf Teerstraßen durch ein paar Dörfer. An einigen Kreuzungen stehen Wegweiser der Rallyeleitung. Als wir diese zum zweiten Mal passieren, wissen wir nicht nur dass wir falsch sind. Wir wissen auch, dass wir diesen Wegweisern nicht trauen können. Denn jetzt weisen die Pfeile in eine andere Richtung. Es bringt auch nichts nach dem Weg zu fragen. Die einen schicken uns da lang die anderen dort. Wenigstens finden wir das Wüstenschloss El Jamal was eine Höchstleistung ist. Weil es nichts von einem Schloss hat, sondern eher von einem Steinhaufen, der am Ackerrand aufgeschichtet wurde. Und dann, wie durch ein Wunder, finden wir den richtigen Weg. Oder wenigsten einen Weg in die Wüste. Erst ist die Piste steinig und dann kommt feiner Sand. Nicht weich, sondern fest. Auf einer Breite von mehreren hundert Metern kann man nun nebeneinander fahren und lange Staubwolken hinter sich herziehen. Wir machen Fotos, wir rasen hinter den Staubwolken des Vordermannes im Blindflug hinterher. Wir versuchen zu driften und schleudern die Autos um die eigene Achse im Sand! Alles Show für die Kamera!

Bisher haben wir nur einen Menschen hier getroffen. Ein Beduine, der offenbar eine Wasserpumpstation bewacht, aus der es etwas tröpfelt und den Boden ein bisschen schlammig macht. Wir haben ihm eine Mütze geschenkt, die er anstatt seines Tuches aufsetzt. Wir haben ein bisschen geplaudert – mit den Händen. Und wir haben leider seine Einladung im original Beduinenzelt Tee zu trinken ausgeschlagen. Doof von uns!
Jetzt treffen wir hier noch mal Menschen. Hey, was sind das für coole Typen?! In der Ferne sehen wir einen Traktor, der wie ein Ochse mit Rinderwahnsinn im Kreis fährt. Offenbar hat der genauso Spaß am Spielen wie wir. Als wir näher kommen hat er den Tank leergefahren. Da Helmut unbedingt in der Wüste Traktor fahren will, versuchen wir das Ding flott zu bekommen. Geht nicht. Dann wollen wir es anschleppen. Geht ebenfalls nicht. Gegen den Traktor hat der Opel Frontera vielleicht ne Chance. Nicht aber das Abschleppseil, das reißt wie ein Bindfaden.
Schade. Aber Hilfe ist längst unterwegs. Auch die Beduinen haben Handys, die neuesten Modelle.

Ein paar Kilometer später werden wir bitter enttäuscht. Am Horizont eine gewaltige Staubfahne – der Rallyetross. Offenbar ging es den anderen ähnlich wie uns, sie haben den Weg in die Wüste nicht gefunden, worauf die Rallyeleitung entschied im Konvoi durch die Wüste zu fahren. Wir schließen uns hinten an. Das bedeutet: anstatt mit 80 – 100 Sachen durch die Gegend zu brettern, zuckeln wir nun mit Tempo 40 in einer Kolonne, vor uns der Krankenwagen des Würzburger Teams. Einen Ausbruchversuch wagen wir noch. Wir heizen an allen anderen vorbei, lassen die unseren Staub schlucken, überholen auch das Polizeifahrzeug an der Spitze – und haben dann nach einem Kilometer eine Reifenpanne. Weil wir den andern nicht die Freude gönnen wollen, uns mit der Panne zu sehen, täuschen wir einen Fotostopp vor. Alle winken und hupen. Wir winken und knipsen. Als sie vorbei sind, beginnt der Reifenwechsel. Eine Holzdiele aus Wolferstadt war dabei unverzichtbar.

Erneut schließen wir uns dem Konvoi an und kommen im Schritttempo fahrend gegen Abend im Camp Al Azrak an. Die Bilanz des Wüstenausfluges: mehrere aufgerissene Ölwannen und sogar ein aufgeschlitzter Benzintank, etliche Reifenschäden, Kühlerprobleme. Einer hat das einzige Schlammloch in der Wüste übersehen, er kommt hüfthoch verdreckt zum Abendessen. Drei Autos hängen klinisch tot am Abschlepphaken. Was mehrere tausend Straßenkilometer nicht geschafft haben, kam nach nur wenigen Wüstenkilometern in Gang. Die Selektion der härtesten Teams und besten Fahrzeuge hatte begonnen.

Sonntag, 1. Juli 2007

Der achte Tag, 25.05.07: Die Sehenswürdigkeiten von Damaskus

Damaskus die Perle des Orients, die Stadt von der Dichter aller Jahrhunderte stets in den höchsten Tönen geschwärmt haben, wartet darauf von uns entdeckt zu werden. "Wenn es das Paradies auf Erden gibt, dann gehört Damaskus ohne Zweifel dazu, und wenn das Paradies im Himmel liegt, dann ist Damaskus sein irdisches Gegenstück", schrieb ein Reisender Anfang des 12. Jahrhunderts über diese Stadt.

Die erste Überraschung – unser syrischer Freund ist pünktlich ja sogar ein Viertelstunde vor dem vereinbarten Termin da um uns abzuholen. Von wegen orientalische Unpünktlichkeit! Oder war er schon zu viel mit deutschen Geschäftspartnern zusammen. Er hat Verstärkung mitgebracht. Seine sympathische 18 jährige Tochter Joudi, die ein ausgezeichnetes Englisch spricht. Der Plan: wir fahren mit zwei Autos. Joudi und ihr Vater verteilen sich auf die beiden Fahrzeuge – so ist in jedem Auto für Erklärungen bei der Stadtrundfahrt gesorgt.



Die Pauluskapelle

Erste Station: die Pauluskapelle, an der Paulus eines Nachts von seinen christlichen Helfern in einem Korb aus dem Fenster hinuntergelassen wurde, damit er vor den Juden fliehen konnte. Ein sehr gepflegte kleine Kirche, die an die biblische Geschichte plastisch erinnert. In einer Ecke steht ein großer Weidenkorb, der sagen will: so könnte es doch gewesen sein.

Es ist jetzt gegen 16.30 noch unglaublich heiß und auch der Verkehr bringt einen wieder ins Schwitzen. Hatte ich schon erwähnt dass ich mir das Lenkrad von Carlos geschnappt habe um mich in den Verkehr von Damaskus zu stürzen? Etwa 1,5 Millionen Menschen leben in Damaskus und etwa 1-1,5 Millionen kommen an Werktagen in die Stadt um dort zu arbeiten. Aber da heute Freitag der Feiertag ist, ist die Stadt also halbleer – und der Verkehr der mir so wirr und laut vorkommt nur die Hälfte des Üblichen.



Hinterm Lenkrad

Wie soll das bloß funktionieren wenn sich das Gewühle verdoppelt? Leider hat der Freitag noch einen Nachteil – der Suk ist geschlossen, der berühmte Suk von Damaskus, der allen Reisenden als erstes einfällt wenn sie von den Besonderheiten dieser Stadt erzählen. Das ist doppelt schade, da wir zum einen große Gewürzeinkaufspläne hatten und zum anderen die heutige Tagesaufgabe darin bestand bei einem bestimmten Gewürzhändler im Suk drei Sorten Pfeffer und etwas Curry zu kaufen. Wie soll das gehen, wenn er nicht da ist,die Hitze zwingt uns zum ersten Stopp. Wir fahren in ein christliches Viertel und staunen – die jungen Mädchen laufen so sommerlich bekleidet herum wie bei uns auch - wer arabische Metropolen nur aus dem fernsehen kennt, hat schwarzgekleidete Frauen und Mullahs beim US-Flaggenverbrennen erwartet. Und irgendwie hat das Viertel eine Coolness wie sie in Szenevierteln westlicher Großstädte auch anzutreffen sind – die Häuser sind schick und gepflegt, die Leute gestylt und am Straßenrand parken liebevoll erhaltene Oldtimer. Amerikanische Straßenkreuzer sind besonders beliebt. Bei dem Benzinpreis kein Problem: 40 Cent kostet das Benzin in Syrien – das gab’s bei uns doch auch mal, aber vor wie viel Jahren.
Unser Ziel ist ein ganz spezieller Saftladen, der beste von ganz Damaskus. Wie sich herausstellt ist es der beste Saft der ganzen Welt – man kann sich alle denkbaren frischen Früchte dort pressen lassen – das Beste ist allerdings der Cocktail – ein Mix aus allem was derzeit reif und wohlschmeckend ist. Neben Apfel und Orange kann das Getränk auch Limone, Karotten, Granatapfel oder Karotten enthalten. Die Mischung ist wohl geheim aber eines enthält es nicht Zucker, Gewürze oder andere Zusätze. Dann geht es durch eines der sieben Tore in die Altstadt. In einer der verwinkelten Gassen lassen wir das Auto stehen - wir finden tatsächlich einen Parkplatz! Übrigens im Buch von Rafik Schami „Damaskus. Der Geschmack einer Stadt“ ist ein Spaziergang durch die Altstadt aufgezeichnet. In etwa die gleichen Wege laufen wir jetzt. Vorbei an unzähligen kleinen Geschäften, durch winzige Gassen und treffen schon bald wieder die ersten Rallyeteams. Respekt, es gibt sogar Teams die ganz ohne Führer ins Herz dieser Stadt und zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten gefunden haben.

Das größte kam aber gleich noch: der Besuch in der Omariyaden Moschee. Für die beiden Frauen nur durch eine vollständige Körperverhüllung möglich – sie mussten sich einen braunen Kapuzenmantel ausleihen und konnten nur so die Mosche betreten.




Der Innenhof der Omaryiaden Moschee


Der Innenhof gehört für mich zu den schönsten Plätzen der Welt. Der Markusplatz ist auch nicht schlecht, aber dort stören die Tauben und vor allem die Touristen. Man läuft in dem rieseigen Innenhof geschützt von den mächtigen Mauern und Gebäuden der Moschee, unter einem strahlendblauen Himmel, barfuß auf dem glücklicherweise erwärmten Marmorboden und sieht dem friedlichen Treiben der Menschen zu, die alle den ort auf ihre Weise genießen. Sie staunen weil sie das erste Mal hier sind, sie treffen sich und plaudern, sie sitzen auf dem Boden als würden sie campieren und zwischendrin toben Unmengen spielender Kinder. Vielleicht ist es auch die Abendsonne die dem Platz jetzt diese besondere Stimmung und das wunderbare Licht gibt in dem Gebäude, Mosaike und Verzierungen wirklich märchenhaft erscheinen.

Eine echten Märchenerzähler treffen wir dann übrigens auch noch in einem Altstadtcafe in dem sich Touris und Einheimische mixen. Er sitzt auf einem Stuhl hoch erhoben oder erhaben und sieht freilich sehr komisch aus. Manchmal liest er mit erhobenem Zeigefinger, manchmal säuselt er und zum Schrecken der Zuhörer, vor allem der Kinder, zieht er an manchen Stellen ein riesiges Schwert heraus und rollt sehr drohend mit den Augen.



Märchenerzähler in einem Altstadtcafé

Übrigens ich weiß jetzt auch noch dass es neben dem Beruf des Wasserträgers (im Radsport) den des Kohleträgers (in Damaskus) gibt. Das ist ein Mann der mit einem eisernen feuerfesten Töpfchen durch das Café geht und die Wasserpfeifen befeuert!
In dem kleinen Altstadtcafe rauchen wir endlich die erste Wasserpfeife dieses Urlaubs und bestimmt nicht die letzte unseres lebend. Es ist einfach zu gut – obwohl unsere syrischen Freunde sagen, es sei 30-mal schädlicher als Zigarettenrauch. Kann man sich kaum vorstellen schließlich wird der überaus feuchte Tabak beim Wasserpfeife rauchen nicht verbrannt sondern die von den glühenden Kohlen ausgehende Hitze zieht durch ihn hindurch nimmt die Geschmacksstoffe mit und kommt wunderbar weich in der Lunge an. Es schmeckt nach Apfel! Ok, vielleicht wirkt das bisschen Nikotin dann doch – denn man fühlt sich verdammt heiter, sehr entspannt und irgendwie zu weiteren Genüssen bereit.

Die kommen dann beim Abendessen – sieht ganz so aus als hätten uns unser Gastgeber in eines der besten Restaurants der Altstadt geführt. Ein christliches Restaurant wohlgemerkt, denn hier gibt es ohne Umschweife Alkohol zum Essen, ein offenbar schmackhaftes syrisches Bier und für mich Arak ein Getränk das mit Raki, Ouzo oder Pernod verwandt ist. Klasse!



Gelage in Damaskus

Wer in Syrien isst darf auf die Vorspeisen nicht verzichten. Das Essen fängt erst gelinde mit ein paar Schälchen an, steigert sich dann aber im Viertelstundentakt und artet dann - wie es Helmut ganz richtig sagte - in ein regelrechtes Gelage aus. Ich weiß nicht was wir alles gegessen haben, aber das was ich noch weiß kann ich gerne erzählen: Hummus (Kichererbsenpüree), Tabbule (ein Petersiliensalat mit Weizengrütze), Baba Ghanush (pürierte, gebackene Auberginen), Mutabbal (Aubergine püriert mit Joghurt). Absolut lecker ist Fattush, ein gemischter Salat mit grünem Salat, Tomaten, Gurken und knusprigen gerösteten Stücken vom Fladenbrot. Aber das ist vielleicht nur ein Viertel der Speisen die wir gegessen haben.

Als wir gegen Mitternacht nach Hause gehen ist es sehr still. Nicht weil wir am verdauen sind. Damaskus, die große syrische Metropole kennt kein Nachtleben und schläft schon – fast.

Donnerstag, 28. Juni 2007

Der 8. Tag, 25.05.07: Von Aleppo nach Damaskus

Heute gefahren: 360 km

Der Tag beginnt mit einem ungewöhnlichen Frühstück. (Liebe Teammitglieder, hat da jemand Bilder davon?) Da es kein Restaurant gibt, sitzen wir in der Hoteleingangshalle – auf Sofas, um einen Couchtisch verteilt. Und dann kommen allerhand Sachen, die wir in den letzten türkischen Tagen auch schon auf dem Speisetisch hatten und ein paar neue dazu: Fladenbrot, Kichererbsen- oder Sesampaste (neu) , Gurken, Oliven, „geringelter“ Schafskäse (neu), Marmelade, Schwarztee, Milch (neu). Sogar Cappuccino (neu) gibt es. Wozu hat man diese 3 in 1 Tütchen, die offenbar in arabischen Ländern sehr gut ankommen? Wer wissen will, wie sie die Luftbläschen im Milchschaum in die Tüte bekommen haben – haben sie gar nicht. Warum das Ganze dann Cappuccino heißt – keine Ahnung. Auch die festen Klumpen, die das Pulver gebildet hat, machen das Geschmackserlebnis nicht besser.



Orientalische Frühstücksrunde

In der Lobby eine leichtbekleidete Blondine. In manchen arabischen Ländern könnte dies ja auch heißen, dass lediglich der Schleier fehlte. Hier bedeutet das schulter- und bauchfrei. Es blitzen zahlreiche Tattoos hervor. Muss eine Urlauberin sein. Ist aber eine Aleppoerin und eine Freundin des Rezeptionisten. Und ich dachte, hier laufen alle verschleiert herum: Diese nicht. Der Rezeptionist ist mächtig stolz auf sie. Nun, ich habe nicht alles verstanden, was er über sie erzählte, vermute aber, dass sie Tierpflegerin ist. Den vielen Fotos auf seinem Handy nach zu urteilen, die sie mit allen möglichen exotischen Tieren zeigen. Und dann gibt es noch einen Film von ihr, wie sie mit einem Tigerbaby spielt. Süß! In einem anderen Film füttert sie eine Riesenschlange. Na danke. Übrigens: Anstelle tierliebender Tattoogirls wäre mir ein Ungezieferräumkommando in diesem Hotel lieber gewesen.

Noch was: Es gibt einen Hausdiener. Und der läuft hier wirklich sehr devot herum. Steht wie ein Besen in der Ecke, wenn er aufs Trinkgeld wartet. Nähert sich nur in gebückter Haltung und mit gesenktem Kopf. Und läuft tatsächlich ein bisschen rückwärts, wenn er sich von dir entfernt. Dieses unterwürfige Verhalten hab ich bisher nur in alten Sissi-Filmen gesehen. Es gefällt mir aber nicht. (Die Sissi-Filme übrigens auch nicht.)

Jetzt nichts wie weg. Albert und Aui müssen zwar noch ihre Milch trinken, aber dann hält uns nichts mehr. Es geht auf schnellstem Weg nach Damaskus – was wir dann dank gerader Straßen und des gut fließenden Verkehrs auch nach 4 Stunden Fahrt erreichen. Dort treffen wir Jamal Chahda – einen höchst sympathischen und erfolgreichen Geschäftsmann, der deutsche Qualitätsprodukte in Syrien vertreibt – unter anderem auch die Produkte, die Katjas Arbeitgeber herstellt. Darf ich’s jetzt sagen: die berühmten Bohrer von Hawera! Mr. Chahdah hat sich einen Tag frei genommen und will uns Damaskus zeigen! Klasse – wir haben einen privaten Fremdenführer. Erst einmal müssen wir ihn treffen.

„Ich stehe genau an der Stelle, wo der Highway aufhört und die Stadt beginnt“, sagt er. Aber wo hört der Highway auf und wo beginnt Damaskus? „An einem großen Platz.“ Groß ist relativ oder?
Wir denken, wir sind genug gefahren, ohne einen Platz gesehen zu haben, der wie der Treffpunkt aussieht. Wir halten an – überall Riesenposter des syrischen Staatspräsidenten Baschar al-Assad. Sie hängen an Banken, Bürogebäuden, Läden und Hotels. Läden, Hotels, Bürogebäude? Wenn das nicht der Beginn der Stadt ist, weiß ich auch nicht.

Unser Zusammentreffen soll weiter über Handytelefonate organisiert werden. Ist aber schwer, wenn man nicht weiß, wo man ist – lies du mal arabische Straßenschilder! Wir gehen in den nächstbesten Laden und drücken dem Besitzer unser deutsches (finnisches) Handy in die Hand. Chahda und er sollen das auf arabisch klären. Telefoniert mal schön. Es klappt.

Wir haben Chahda zwar noch nie gesehen – aber er wird uns nicht übersehen. Drei staubige und verdreckte, mit Werbung vollgeklebte alte Rallyeautos am Straßenrand. Erst bringt er uns ins Hotel – das hat er nämlich auch für uns organisiert. Es geht kreuz und quer und wir bekommen einen ersten Eindruck vom Verkehr in der Hauptstadt. Hey, das rockt! Erst rasen die kleinen gelben Taxis wie Piranhas heran, dann bremsen sie abrupt ab. Ich habe mit dem alten Santana nichts zu verlieren. Und vor einer Beule habe ich schon gar keine Angst. Genau die richtige Einstellung, um in Damaskus voranzukommen. Anders geht´s auch nicht.

Wohin uns Chahda führt – keine Ahnung. Irgendwann werden die mehrstöckigen Häuser wieder kleiner, ganz klein sozusagen, unverputzt, der Teer auf der Straße weicht Schlaglöchern, schließlich besteht die Straße nur noch aus Löchern, die mit Teer garniert sind. Wir sind in einem der ärmsten Viertel von Damaskus – ein Viertel, in dem vor allem christliche Familien leben, viele ehemalige Flüchtlingsfamilien, kurdischer oder armenischer Herkunft.

Er bringt uns in keinem Hotel unter, sondern im Gästehaus einer christlichen Kirche. Dort zahlt jeder soviel er kann. Und wir können nur 10,- Euro zahlen, weil wir laut Rallye-Reglement nicht mehr dürfen. Wie sich herausstellt ist diese christliche Kirche mit Gästehaus so etwas wie eine gut ausgebaute Missionsstation – wie auch immer die Katholische Kirche ein solches Angebot nennt. Das Gästehaus ist eine Mischung von Altenheim, Gästehaus und Hotel. Im Untergeschoss befindet sich eine Großküche, die 3 x in der Woche 100 arme Familien (6-12 Personen) mit Essen versorgt. Daneben eine Klinik, in der über 40 Ärzte aller Fachrichtungen unentgeltlich Dienst tun – sie ist mit Ultraschall und Röntgengeräten ausgestattet und kann offenbar eine Rundumversorgung anbieten. Das blitzsaubere Gelände ist von einem hohen Eisengitterzaun umgeben, die Räume sind entweder klimatisiert oder durch ihre Bauweise erstaunlich kühl. Was gut tut. Denn draußen ist Lärm und Hitze. Und was wir nach der heißen Fahrt von Aleppo nach Damaskus brauchen, sind vor allem Ruhe und kühlere Temperaturen. Um 16.00 Uhr will uns Jamal Chahda wieder abholen – dann werden wir Damaskus erkunden, zu Fuß und mit dem Auto. Bis dahin sind noch 3 Stunden Zeit. Wir waschen unsere T-Shirts, sortieren den Müll aus dem Auto, duschen und versuchen zu schlafen.

Aber die Zeit reicht für letzteres mal wieder nicht mehr. So ist das Rallyeleben.

Donnerstag, 21. Juni 2007

Der siebte Tag, 24.05.07: Von Göreme nach Aleppo, Teil 2

Nachdem wir den Badeausflug überstanden hatten, ging es zügig weiter. Bloß weg! Nebenbei – ein schönes Tal, das wir hier durchfuhren. Es war grün und frisch und hätte ebenso gut in die Alpen oder ein deutsches Mittelgebirge gepasst. Mehrfach sahen wir heute die türkischen Radarfallen. Ganz leicht zu erkennen: immer dann wenn ein (meist heller Pkw) gegen die Fahrtrichtung geparkt am Straßenrand steht, heißt es Fuß vom Gas. Darinnen sitzen zwei Männer, von denen einer eine Laserpistole hat.
Ein verspätetes Mittagessen in einem Autobahnrestaurant mit allerhand Service: Vorher wird ein heißes Tuch gereicht, hinterher ein öliges Spray auf die Handflächen, das nach irgendwelchen Zitrusölen duftet wie Mückenvertreibungsmittel. Und dazwischen? Gözleme – was man Türkeitouristen gerne als turkish Pizza verkauft. Das kann wunderbar lecker sein. Der Teig wird mithilfe eines runden Holzstabes auf einer große Platte papierdünn gerollt, dann auf eine heiße Platte gelegt, mit diversen Zutaten gefüllt, zusammengefaltet und dann gegessen. Erinnert mehr an Crepes als an Pizza, aber Pizza klingt halt eindeutig vertrauter. Die Gözleme an der Autobahnraststätte waren eine trockene Angelegenheit, also nicht der Rede wert. Vor meinem Türkeibesuch las ich noch einen Spiegel-Artikel über die Wasserknappheit in der Türkei. Hier, auf dem Autobahnparkplatz sah das nicht so aus. Wir lernten folgende Geschäftsidee kennen: Man putzt einfach wildfremde Fahrzeuge ohne die Besitzer zu fragen. Kann man auch schlecht fragen, da man stets abwartet bis sie außer Reichweite sind und etwa beim Essen sitzen. Tja und dann kommen die zurück und stehen vor einem blitzblanken Auto. Gott sei Dank hat der Wasserschlauchführer das nicht mit unseren Rallyefahrzeugen gemacht. Wir hätten den Mann mit seinem eigenen Wasserschlauch erwürgt. Jedes Körnchen Dreck war schließlich ehrlich verdient!
Weil sonst nix mehr der Rede wert war, ging es weiter. So schnell, dass wir gegen 18.30 Uhr an der Grenze zu Syrien waren. Nein, nicht ganz. Aber in allernächster Nähe. Zwar sahen die Pläne für den weiteren Abend sehr unterschiedlich aus – die einen wollten gemütlich irgendwo essen und ein Hotel suchen. Die anderen wollten so schnell wie möglich über die Grenze. Warum? Wegen Damaskus. Dort, wo uns der syrische Arbeitskollege von Katja schon erwartete, um uns seine Stadt zu zeigen. Ich erspare den Lesern mal die hässlichen Details der Debatte – in jedem Team knirscht es schließlich mal – und komme gleich zum Schluss. Wir fuhren an diesem Abend noch gemeinsam über die türkisch-syrische Grenze.
Ein kluger Entschluss wie ich fand und immer noch finde. Man muss wissen, dass den Grenzübertritt nach Syrien die wildesten Geschichten umranken. Er solle mehrere Stunden dauern. Von korrupten Grenzbeamten war die Rede. Und dass man nie über die Grenze käme, wenn man sich nicht einer der Führer bedienen würde, die einem durch den syrischen Grenzübertrittsdschungel und seine diversen Schalter, Beamten und Formulare helfen würde. Eine völlig unkalkulierbare Zeitdauer also, die es in Anspruch nehmen würde.
Als wir dort ankamen, waren wir nicht allein. Mindestens 10 andere Teams waren vor uns und mit uns da. Christian vom Team Motel Passarati – netter Teamname übrigens – gab uns eine Blitzeinweisung. Er hatte uns Schritt für Schritt richtig erklärt, aber: verdammt es waren so viele einzelne Schritte. Was wir behalten haben: dass wir uns vor dem Mann mit dem roten Hemd in acht nehmen sollten. Er bietet zwar jedem die Hilfe an, will dann aber 100 bis 150 US Dollar dafür. Absolut vertrauenswürdig sei der Typ im weißen Hemd. Ein Angestellter der syrischen Tourismusbehörde, der das gleiche macht wie der andere Kollege, nur unentgeltlich. Für den Fall, dass jemand demnächst mit dem Auto nach Syrien einreisen möchte, so geht es.

1. An einem Schalter besorgt man sich ein grünes Formular auf einer Art Pappkarton, das man auf Vorder- und Rückseite ausfüllen muss – am besten in Englisch. Da muss man dann allerhand Angaben zur Person und zum Fahrzeug machen. Auch wie lange man in Syrien bleiben möchte, wo man in Syrien wohne, welchem Zweck die Reise diene usw. Man kann auch gefahrlos Felder leer lassen. Denn alles was wichtig ist, wird man ohnehin nochmals gefragt von den Beamten, die den Reisepass entgegennehmen, das Vorhandensein des Visums kontrollieren und dann allerhand in den Computer hacken.
2. Wenn das alles ok ist, muss man sich für 2 US Dollar ein weißes Formular an einem anderen Schalter kaufen. Problem: es muss in Arabisch ausgefüllt werden. Dabei hilft dann ein Mensch in weißem oder rotem Hemd.
3. Mit dem arabisch ausgefüllten Formular, dessen Inhalt man nicht kennt, geht man zum Checkpoint. Der Grenzbeamte stempelte es ab. Oder auch nicht.
4. Wer den Stempel auf dem Formular hat, muss es bei einem Ober-Chef vorlegen: der wohnt/arbeit im zweiten Stock des Gebäudes. In unserem Fall sah es so aus als schliefe er schon. Er empfing uns im Trainingsanzug und lud uns ein, in den geräumigen Sofas zu sitzen. Es folgten ein paar Fragen im Plauderton, nur der Tee fehlte, ob wir die Grüne Versicherungskarte hätten? Tja, gut sie dabei zu haben, auch wenn sie in Syrien nicht gilt. Das verstehe wer will, aber ohne diese Grüne Karte vielleicht kein Stempel und das ist, was wir von dem Herrn wollen. Irgendwann zieht er aus der Tasche seiner Trainingshose das begehrte Werkzeug und drückt es auf den weißen Zettel. Danke Allah!
5. Den geben wir jetzt am Schalter x ab.
6. Wir gehen zum Schalter der Bank und tauschen dort 36 US Dollar für die Autoversicherung, sowie 65 US Dollar für den Zoll in syrische Pfund.
7. Wir zahlen 36 US Dollar am Versicherungsschalter, rechts der Bank ein.
8. Wir zahlen 65 US Dollar am Schalter des Zolls links der Bank ein und haben ein Problem. Denn die vorher in syrische Pfund getauschten Dollar entsprechen nun nicht mehr dem geforderten Betrag des Beamten. Es fehlen drei Dollar. Also nachzahlen!
9. Wir bekommen irgendwelche Zollpapiere und eine Versicherungspolice und müssen die am Checkpoint vorzeigen. Danach: Einreise! Endlich. Allerdings sitzt in dem Häuschen am Checkpoint ein einsamer Beamter mit unseren Pässen und Papieren und fängt an, unsere Einreise in ein riesiges Buch einzutragen. So stellt man sich Buchhalter in einem Roman von Kafka vor. Plötzlich stoppt er beim Schreiben, sieht mich an, und schlägt die letzte Seite seines dicken Buches auf. Geld! Lauter Geldscheine. Ihr werdet schon merken, wenn ein Beamter Geld will, haben uns die Leute vom Rallyeorganisationskomitee gesagt. Jetzt war es deutlich. Leider habe ich weder die erforderlichen syrischen Banknoten, noch die jetzt geforderten zwei US Dollar. Zwei Euro eigentlich. Viel mehr will der Mann nicht. Das könnte jetzt stundenlang so gehen, bis ein freundlicher Araber auf der Durchreise hereinkommt und sich bereit erklärt auch mein Bestechungsgeld zu übernehmen. Vielen Dank auch!

Nie wäre ein Grenzübertritt länger – 165 Minuten! Andere Teams, die sich den herrschenden Verhältnissen weniger geschmeidig angepasst haben – vielleicht Siemens Mitarbeiter, die ja angeblich absolutes Schmierverbot haben – brauchten bis zu sechs Stunden.
Übrigens, in der Grenzstation hat man die Bilder des Staatspräsidenten Baschar al-Assad alle schief aufgehängt. Ob das eine Art von Kritik war?
Kaum hinter der Grenze sahen wir Folgendes: unbeleuchtete Mopeds, deren Fahrer riesige Plastiktonnen über Seitenwege transportierten. Und überhaupt – die Fahrt nach Aleppo zeigt uns all das, wovor man uns in Bezug auf Rumänien gewarnt hatte. Alles, was Räder oder Beine hatte, war irgendwie auf der Straße. Es heißt ja oft, dass das Leben im Orient draußen stattfindet. Dass aber damit auch Hauptverbindungsstraßen gemeint sind, ist eher verwirrend. Sehr spät kamen wir in Aleppo an – der Stadt mit dem angeblich schönsten Suk Syriens – Orientierung war völlig unmöglich. Wir waren müde, es war dunkel und wir hatten genug zu tun, auf den chaotischen Verkehr zu achten. Wer kann da noch Hotelhinweisschilder auf Arabisch entziffern?
Wieder mal führten uns zwei Einheimische zu einem Hotel. Es folgte ein Schnellkurs in arabischem Handeln – erst sagen ob du es willst, dann wird über den Preis verhandelt. Was für einen Deutschen natürlich seltsam ist. Jedenfalls wollte Albert zuerst den Preis erfahren und dann sagen, ob ihm das Zimmer gefiel. So kam die Feilscherei aber nicht in Gang. Zur Strafe nannte der Hotelmanager einen horrenden Preis: 45 Dollar für das Zimmer. Mein Glück! Denn ich wollte in dem stinkenden Hotel mit dem endlosen Betonflur ohnehin nicht übernachten. So müde kann man gar nicht sein, dass man den Dreck übersieht. Wir gingen – aber der Hotelmanager folgte uns bis nach draußen, reduzierte den Preis auf 24 Dollar und den Teammitgliedern gefiel es plötzlich wieder! Na gut, es war ein lichtloser unterirdischer, muffiger Bunker, in dem wir kaum Luft bekamen. Aber wir hatten immerhin keine Mitbewohner. Oder hatten sie vor Müdigkeit übersehen. Bei Helmut und Aui im Zimmer liefen die Kakerlaken die ganze Nacht auf dem Boden herum und die Wände hoch. Ist mir schleierhaft wie sie da ein Auge zutun konnten. Aber sie kamen am nächsten Tag recht ausgeruht zum Frühstück.

Sonntag, 17. Juni 2007

Der siebte Tag, 24.05.07: Von Göreme nach Aleppo, Teil 1





Wir stehen noch vor sechs Uhr auf, Katja und ich. Das ist hart. Aber wir wollen das Tal von Göreme sehen und wir wollen das Morgenlicht nutzen, um Fotos zu schießen. Wenn man das Fairy Chimney Inn verlässt, kann man einen schmalen Pfad durch eine kniehohe Wiese gehen und zwischen den Tuffkegeln herumlaufen. Das Fairy Chimney Inn selbst steht – wie schon erwähnt – am höchsten Punkt des Ortes. Ist leicht zu finden, da auf der Hügelspitze oberhalb des Hauses eine Mobilfunkantenne zu sehen ist. Der Pfad ist aber schlecht zu laufen. Vor allem, wenn man schlaftrunken ist, mit Flip Flops geht und nicht auf den Weg achtet, weil man Fotomotive sucht. Also kehren wir um, gehen erst ein paar Schritte in die Ortschaft zurück und dann durch ein kleines Tor dem Weg nach, wieder nach oben, wo eine schmale Straße ein paar Kurven macht und dann immer höher auf den Hügel führt. Das ist zwar seltsamerweise nicht der Hügel mit der Antenne, aber hier gibt es so viele Hügel und so viele Aussichtspunkte. Die Landschaft ist unglaublich, bizarr, in ihrer verrückten Einzigartigkeit sieht sie aus, als hätte sie jemand für einen Disney Film gezeichnet. Dass die Natur das entstehen ließ, kommt einem unglaublich vor. Viele dieser Hügel weisen kleine Luft- oder Sehschlitze auf – aber eine Art Hauseingang sucht man oft vergebens. Das lässt darauf schließen, dass ein Höhensystem vorhanden ist und man irgendwo einen Eingang findet, der es ermöglicht, in den Feenkaminen herumzulaufen. Bereits um 7.00 Uhr wird es unglaublich heiß und das gute Licht ist dahin, die Sonne leuchtet alles aus als sei es bereits mittags. Wir laufen schwitzend zwischen den Höhlenhäusern herum und entdecken ein leeres Gebäude. Anstelle von Fenstern, wie viele der luxussanierten Höhlenwohnungen, hat es offene Löcher. Im Erdgeschoss ist es dunkel und leer, eine aus dem Stein geschlagene Treppe führt hoch. Ich weiß nicht, was wir erwartet haben. Jedenfalls niemand, der schlafend auf dem Boden liegt und plötzlich aufschreckt als Katja vor ihm steht. Rückzug! Sofort. Da ist uns so peinlich, das wir vergessen Bilder zu machen. Ob es ein Rucksacktourist war oder ein umherstreunender Obdachloser oder gar ein Einheimischer – keine Ahnung. Als wir das Gebäude von außen nochmals ansehen merken wir, dass dieses Schafzimmer der einzige Raum war, der mit einer Plastikplane zugehangen war. Ist uns vorher nicht aufgefallen. Im Fairy Chimney Inn gibt es einen wunderbaren Sitzplatz, direkt auf einer Felskante, er ist mit einem schmalen Mäuerchen eingefasst, das gerade mal hoch genug ist, um die Rückenkissen daran zu stellen. Man liegt und döst und blickt auf die Ortschaft Göreme hinunter. Die ist rund um das Fairy Chimney Inn ruhig und wie verlassen, unten gibt es Rucksacktouristen, Geldautomaten und hässliche Souvenirshops. Oben, im Inn ist es ruhig, verwinkelt mit unzähligen Lieblingsplätzen ausgestattet, wo man sich einfach nur hinsetzt und guckt!
Der heutige Tagesplan: unklar. Bis zur syrischen Grenze ist es nicht mehr allzu weit. Das bedeutet, wir haben Zeit. Zumindest Zeit für eine Sehenswürdigkeit. Die enge Wahl zwischen dem Freiluftmuseum Göreme und eine Besichtigung der unterirdischen Stadt Derinkuyu geht zu Gunsten Derinkuyus aus. Es ist die größte bisher freigelegte unterirdische Stadt in Kappadokien und sie wurde erst 1963 entdeckt. Derinkuyu hat eine Fläche von 1.500 m², es soll aber nur ein Viertel der Gesamtanlage sein. Wow! Die Stadt geht 11 Stockwerke tief in den Erdboden. Die einzelnen Stockwerke konnten abgeriegelt werden und die Stadt war über kilometerlange Gänge mit anderen solchen Städten verbunden. Offenbar waren diese unterirdischen Anlagen nicht permanent bewohnt, sondern dienten als Rückzugsorte in Kriegs- oder Krisenzeiten. Man schätzt, dass Derinkuyu 30.000 bis 50.000 Menschen Zuflucht gewähren konnte. Platzangst darf man in Derinkuyu nicht haben, denn die meisten der Gänge sind für Mitteleuropäer über 170 cm Körpergröße nicht mehr aufrecht zu durchlaufen. In den Geschoßen selbst kann man sich dann wieder ausstrecken, aber der Weg dorthin geht meist nur in gebückter Haltung. Die Gänge sind außerdem so schmal, dass man mit ein paar Kilo Übergewicht leicht stecken bleiben könnte. Eine Situation, die ich leicht nachempfinden konnte – zwar ohne Übergewicht, aber mit Rucksack, der sich etliche Schleif- und Schabspuren holte. Aber die Luft ist kühl und frisch. Das ausgeklügelte Luftschaftsystem bewältigt auch den Ansturm Hunderter von Besucher gleichzeitig, die versuchen in den Höhlengängen auszuweichen, den Kopf nicht anzustoßen oder voranzukommen.



Auf dem Parkplatz vor der Höhlenstadt verkaufen etliche Frauen selbstgemachte Puppen für etwa einen Euro das Stück. Sie werden mit rüden Methoden von einem Parkplatzwächter vertrieben, der schreit, nach ihnen schlägt und spuckt. Und hier, direkt neben der Hauptattraktion Derinkuyu, befindet sich eine wunderschöne bestens erhaltene armenische Kirche – fest verschlossen.




Die Frauen machen uns auf eine Besonderheit an der Kirchenfassade aufmerksam: zwei drehbare runde Pfeiler – vielleicht Tora Rollen nachempfunden? Überhaupt, man entdeckt in dieser Gegend einen Mischmasch von Symbolen, die wir islamischer, christlicher und jüdischer Symbolik zuordnen können – was vielleicht daher rührt, dass Kirchen im Laufe der Zeit verschiedensten Religionen dienten. Oder die Menschen in früheren Jahrhunderten nicht immer einer reinen Lehre anhingen, und sich Glaubensinhalte und Symbole vermischten. Was ich weniger glaube ist, dass Derinkuyu erbaut wurde, weil sich die Menschen vor außerirdischen fliegenden Wesen schützen wollten – diese Meinung vertritt der bestens bekannte Bestsellerautor und flunkernde Schweizer Erich von Däniken.
On the road again. Auf einer Anhöhe, gleich hinter der Ortschaft Göreme entdecken wir das erste Kamel auf dieser Reise. Das arme Tier ist hier zwar weit entfernt von seinen wild lebenden Wüstengenossen, für touristische Fotos und Reitzwecke abgestellt, aber hee: das ist doch ein gutes Omen. Wem ein Kamel erscheint, der kann es auch gewinnen, oder?
Für mich und die anderen bedeutet das offenbar einen gewaltigen Motivationsschub, denn wir rasen voran, weiter mit unbekanntem Tagesziel, aber auf alle Fälle so weit wie möglich. Wenn da nicht die Organisatoren wieder eine verflixte Tagesaufgabe eingebaut hätten. Und die ist gar nicht so ohne. Zwingt sie uns doch, eines aufzubringen, was wir während der Fahrt gar nicht haben: Ruhe und Zeit. Besucht ein Hamam oder eine der heißen Quellen und badet dort drin. Als Beweis – ein Foto schießen. Natürlich. Die heißen Quellen von Ciftehan liegen direkt auf dem Weg, gegen Mittag sind wir dort. Nicht das einzige Team – ein paar sind schon drin, wie die Fahrzeuge auf dem Parkplatz verraten, ein paar kamen später noch. Aufgrund von Sprachkenntnissen – äh, von mangelnden Sprachkenntnissen – glauben wir zwar erfahren zu haben, dass es getrennte Eingänge für Männer und Frauen gibt. Letztendlich landen wir aber im selben Gebäude. Ein zahnloser Bademeister empfängt uns. Es geht in ein heruntergekommenes Gebäude, das einer DDR-Turnhalle ähnelt und der Service dürfte ganz ähnlich sein. In einer mittelgroßen Halle bleiben wir stehen, hier sollen sich die Männer ausziehen. Für Petra und Katja gibt es einen Extraraum, mit einer nicht verschließbaren Tür. Selbstverständlich muss der muslimische Bademeister ständig gucken gehen, ob den Frauen beim Umkleiden nichts zugestoßen ist. Jedenfalls linst er hauptsächlich durch den weit geöffneten Türspalt, wo sich unverschleierte Damen bis auf die Haut entblättern.
Ins heiße Bad selbst geht es dann aber wieder mit Badebekleidung. Ein Berg aus Puschen – hölzerne Badelatschen – ist in der Ecke aufgestellt oder zusammengeworfen. Die Aufgabe des netten Bademeisters lautet nun: finde zwei möglichst passende Latschen und laufe mit denen über das aalglatte Treppenhaus durch die nassen Baderäume. Ohne dir den Hals zu brechen! Das ist um einiges schwerer als die üblichen Rallyeaufgaben. Warum man die Badelatschen denn anziehen soll, frage ich ihn. Aus Sicherheitsgründen, weil es so rutschig ist, meint er, zahnlos lächelnd.
Wohin mit den Wertsachen, den Kameras usw.? Petra nimmt ihre Handtasche mit. Die ist gut verschließbar, super. Hoffentlich hält sie auch heißen aggressiven Quellendampf ab. Bereits im Vorraum, in dem wir ein bisschen abgegossen werden, ist es wie in einer Schwitzkammer. Im eigentlichen Bad, einem rechteckigen, sehr hässlichen Raum der fast nur aus dem Wasserbecken besteht, ist es dagegen heiß und unerträglich feucht. So feucht, dass sich die Bilder der Beweiskamera vermutlich selbst entwickeln. Vielleicht glaubt jetzt niemand wie heiß es ist – es ist krebsheiß. Also so heiß, wie das Wasser, in dem Taschenkrebse und Langusten mit einem Schlag rot und nachher als gekochte Delikatesse verzehrt werden. Sind das 60 Grad? Oder mehr? Oder reichen bereits 50 Grad aus, um den Köper in derartigen Hitzestress zu versetzen? Keine Ahnung. In dem Wasser schwimmen einige Türken herum – ich selbst habe bereits unterhalb der Knie zurückgezogen. Albert ist der Mutigste! Er lässt sich erklären, dass man langsam eintauchen soll und tut das dann auch! Super! Hat jemand ein Bild davon? Unser Beweisbild zeigt uns am Beckenrand sitzend und müsste eigentlich zur Disqualifizierung führen. Denn drei der sechs Teammitglieder haben nicht mal die Zehen ins heiße Wasserbad eingetaucht. Die Türken machen jetzt noch allerhand Späße mit uns. So müssen wir aus einem 3-Liter-Eimer unbedingt von dem heißen Wasser probieren. Es schmeckt widerlich, aber wir sind ja höflich: „Danke, gut.“ Als Belohnung kippt einer der Türken Helmut einen ganzen Eimer der kochenden Brühe über den Kopf. Der schreit, dass es fast die Kacheln aus der Wand haut, lebt aber. Unser Navigator!
Zeit abzuhauen. Hier stinkt es uns nicht nur ganz gewaltig, sondern hier stinkt es tatsächlich. Wer Dorfkneipen nach der Bierschwemme kennt, weiß, so riecht es, wenn Hunderte Männer über Stunden in eine ganz bestimmte Ecke gepinkelt haben. Andere meinen in dem Pissegeruch Schwefel oder andere heilende Bestandteile entdeckt zu haben. Na ja. Glauben versetzt ja bekanntlich Dämpfe oder so ähnlich. Nie mehr! Nie mehr werde ich ein türkisches heißes Bad betreten.

Samstag, 16. Juni 2007

Der sechste Tag, 23.05.07: Von Istanbul nach Göreme

Heute gefahren: 810 km (lt. Reglement waren heute bis 888 Tageskilometer erlaubt)

Puuh, das war eine unruhige Nacht. Zu groß die Ungewissheit, wann und ob wir unseren Carlos heute wieder fitkriegen würden. Etwa 2 Kilometer vom Hotel entfernt gab es eine VW Werkstatt – sicher keine Vertragswerkstatt, aber doch mit ausreichend VW Logos bestückt, so dass wir eine gewisse Spezialisierung auf unsern 25 Jahre alten Autotyp erwarten durften. Außerdem, am Vortag waren in dieser Werkstatt bereits zwei andere Rallyeautos gewesen. Alle kamen hochzufrieden und vor allem heil (die Autos!) wieder zurück. Öffnungszeit der Werkstatt: 8.00 Uhr. Wir waren gegen 7.00 Uhr beim Frühstück und 9.30 Uhr war der Le Mans Start vor dem Hotel angesetzt. Wenn wir also rechtzeitig repariert wären, würden wir das Ganze vielleicht noch schaffen. Albert und Petra begleiteten uns, Aui und Helmut schlafen noch in dieser schweren Stunde. Für heute war Aufgabenteilung angesagt: Aui und Helmut sollen am Le Mans Start teilnehmen. Petra und Katja von der Highway-Brücke Fotos der vorbeirasenden Rallyefahrzeuge schießen. Albert und ich: Tee trinken.
Nee wirklich. Das war so. Als wir um 8.00 Uhr bei der Werkstatt vorfuhren, war die noch geschlossen. Auch 20 oder 30 Minuten später noch. Aber direkt nebenan war eine Reifenwerkstatt bereits offen und der freundliche Monteur wollte sich den Schaden mal ansehen. Beim Ansehen blieb es auch – der kaputte Stoßdämpfer fiel eindeutig nicht mehr ins Reifenservice- und Reifenwechselressort. Damit wir nicht allzu enttäuscht waren, gab es Tee. Wunderbar frisch aufgebrühten Tee, den wir aus den kleinen Gläschen direkt von der Motorhaube tranken.



Sehr hilfsbereit der Reifenwechsler! Auch, dass er den Inhaber der Werkstatt mehrfach auf dem Handy anrief, um ihm klarzumachen, dass Kundschaft auf ihn wartete – sehr nett. Leider wirkte es gar nicht. Die Minuten verrannen, später dann auch eine Stunde und dann schickte der Werkstattmeister seinen Lehrling voraus, der schon mal das Garagentor öffnete und uns Tee kochte. Ja so nett sind sie, die Türken. Abwarten und Tee trinken – das Sprichwort kann nur von Istanbul aus in die Welt gefunden haben.



Inzwischen war es auch 9.30 Uhr – die Mädels schossen ihre Bilder vom rasenden Rallyetross, Helmut und Aui stießen kurz nach dem Start zu uns. Endlich passierte was. Der Werkstattchef war aufgetaucht – baute den defekten Stoßdämpfer aus und stellte dann fest – wie alle Werkstattinhaber eigentlich – dass er das Ersatzteil nicht auf Lager hatte. Ja klar, wie denn auch? Wer hat denn schon ein komplettes Ersatzteilsortiment für 25 Jahre alte Fahrzeuge am Lager liegen? Noch dazu, wenn es sich um Flops der Automobilgeschichte von VW handelt?



Aber er hatte was anderes: ein Federbein (Federbeinchen) eines Opel Vectra. Vermutlich gebraucht, aber immerhin mit gewissen Teile-Nummern-Aufklebern versehen. Das war insofern passend, da es in etwa die gleiche Länge hatte. Was nicht passte, war der Befestigungsring, der den Stoßdämpfer an der Karosserie fixieren sollte. Mit ein paar Hammerschlägen wurde der in die passende Position gebracht! Geht scho! Und dann in irgendeiner Nachbachwerkstatt festgeschweißt. Passt! Die Probefahrt war eine Wonne – kein Schlagen, kein Hüpfen mehr, jetzt schluckte das fremde (Opel-)Federbeinchen so ziemlich alles, was es vom türkischen Straßengrund reingewürgt bekam.
Übrigens in Deutschland wäre ich bestimmt blass geworden, wenn ich die Höhe der Rechnung erfahren hätte. Hier ging es mir super! 30 Euro für Ersatzteil, Arbeitszeit und ein paar Teegläser vorneweg! Da kannste nicht meckern. Eine Umarmung des KFZ-Meisters konnte ich mir gerade noch verkneifen. Dafür gab ich ihm 35 Euro.
Danach ging es verdammt schnell zurück auf die Straße. Wir hatten jede Menge Zeit verloren. Und die wollten wir jetzt aufholen – regelwidrig, aber schnell! Wir entschieden einvernehmlich, dass eine Bosporusüberquerung mit der Fähre für uns nicht in Frage kommt. Wir verzichteten auf diesen vorgegebenen Teil der Strecke und die dafür in Aussicht gestellten Wertungspunkte. Stattdessen rasten wir über den Highway in Richtung Ankara – über die große mehrspurige Bosporusbrücke, die man im Schritttempo überfährt. Na klar werden die Fahrer hier langsam, die müssen alle den Moment genießen, wenn Sie von Europa nach Asien kommen. Asien – wir sind da!
Auf der gut ausgebauten Autobahn ging es dann verdammt schnell nach Ankara, um Ankara herum und auf sanft ansteigenden Straßen zwischen grünen und manchmal noch ein bisschen schneebedeckten Bergen weiter. Richtig sauber und fast ein bisschen deutsch sah die Türkei hier aus. Das machte das viele Grün und die adretten Wohnsiedlungen – wie ein Neubauviertel von Wolferstadt oder Weingarten, mit schmucken Reihen- und Einfamilienhäuschen.
Dass die Türken die Deutschen des Orients seien – kein so abwegiger Gedanke, finde ich.
Ok, nennen wir es noch mal deutlich: Wir sind regelwidrig Autobahn gefahren. Deshalb war nach Ankara damit Schluss. Die letzten 300 Kilometer nach Göreme wollten wir wieder wie ganz brave Rallyeteilnehmer auf der Landstraße zurücklegen. Also runter von der Autobahn, aber immer schön auf dem Gas bleiben. Für mich war Göreme eines der Highlights der Reise überhaupt. Man kennt das ja aus dem Fernsehen – die kappadokische Landschaft mit den seltsamen Steingebilden, Feenkaminen und den Bergen, die scheinbar völlig aus- und unterhöhlt sind, weil in ihnen seit ca. 2000 Jahren Menschen leben. In einer dieser Höhlenwohnungen würden wir heute Abend selbst übernachten. Der deutsche Archäologe Dr. Andus Emge und seine türkische Frau Gülcan hatten sich bereit erklärt, uns in ihrer tollen Ferienpension zu Rallyepreisen übernachten zu lassen. Das war ein Termin, den wir unbedingt erreichen mussten. Ich weiß nicht wie ich es sagen soll – aber nach 5 Rallyetagen war Carlos super eingefahren und ich scheinbar auch. Die nächsten paar Stunden gelang es mir das Team Wolfsrudel mit der 86 PS-Maschine anzuführen – ich glaube die PS-Protze hinter mir hatten hin und wieder sogar Mühe zu folgen. Vor allem dann, wenn es mit 130 durch Ortschaften ging oder mit 100 km/h an Tempo-30-Schildern vorbei. Bevor ihr denkt, ich hätte die Pistensau rausgelassen: ich habe mich lediglich für einen Tag lang den türkischen Autofahrern angepasst. In meinem Istanbul Reiseführer hieß es: türkische Autofahrer halten sich kaum an Straßenvorschriften. Nie habe ich mich den türkischen Autofahrern näher gefühlt, als an diesem Tag.
Gegen 20.30 Uhr kamen wir dort an. Was soll ich sagen!? Eine echte Traumlandschaft und ein wunderschönes Ferienhaus das Fairy Chimney. Das Anwesen, welches früher einmal als Kelterei eines frühbyzantinischen Klosters diente, wurde über mehrere Jahre hinweg einfach aber sorgfältig saniert. Es verfügt über 8 kleine und fein eingerichtete Zimmer mit einer Terrasse und Badezimmer und war von gutgelaunten Pärchen bevölkert.
Ausgebucht sozusagen. Die wunderbare Terrasse bot einen herrlichen Blick auf Göreme. Fairy Chimney Inn ist der absolute Tipp für diese Gegend – es liegt am höchsten Punkt des Ortes. Die liebenswerte Gastgeberin Gülcan Yücedogan-Emge servierte uns ein köstliches Essen – unter anderem eine Joghurtsuppe, von der ich Nachschlag verlangte, weil sie so gut war. Sie nennt sich Corba und geht so:
Butter und Olivenöl in der Pfanne anschwitzen, etwas Suppenpulver und getrocknete Minze dazu und ebenfalls mit anbraten. Danach den großen Topf mit heißem Wasser aufgießen, ein wenig Reis dazugeben, und dann ein paar Löffel Joghurt unterrühren, aufkochen lassen, fertig.
Sehr lecker! Dazu ein kappadokischer Rotwein – wir schliefen wunderbar!

Sehr interessant waren dann unsere Tisch-Mitgenossen – das deutsche Pärchen Alexander und Daniela, die einen höchst individuellen Urlaub in der Gegend verbrachten. Das nicht ganz ungefährliche und spannende Hobby der beiden – armenische Kirchen aufspüren. Jedenfalls die restlichen Exemplare, die nicht der geplanten Zerstörung zum Opfer fielen.

Links:

Fairy Chimney Inn

Armenische Kirchen in der Osttürkei
http://www.virtualani.org/citymap.htm
http://www.westernarmenia.net

Donnerstag, 14. Juni 2007

Der fünfte Tag, 22.05.07: Ruhetag in Istanbul

Mit Kopfschmerztabletten fängt der Ruhetag an. Der Abend vorher und die zum Teil recht lange Nacht, haben dem einen oder anderen aus dem Team ein bisschen zugesetzt. Noch weniger Schlaf als an Fahrtagen bekommt man nur an Rallye-Ruhetagen! Wir treffen uns gegen 10.00 Uhr zum Frühstück und besprechen unser Tagesprogramm. Das besteht eigentlich nur aus einem Ziel: Istanbul sehen. Im Gegensatz zu 99 % der anderen Teams fahren wir nicht mit einem Linienbus ins Zentrum, sondern mit den eigenen Autos. Der Highway vor dem Hotel führt geradewegs nach Istanbul – nicht weiter schwierig. Schwierig wird es dann doch, weil wir einen perfekten Plan ausgeheckt haben. In Istanbul wartet morgen am sechsten Tag die einzige Sonderprüfung auf uns, die bereits vor Rallyeantritt bekannt gegeben wurde. Sie lautet: Fahrt mit den Autos zur Blauen Moschee, stellt euch davor auf, lasst euch fotografieren. Das Gemeine, aber recht durchdachte, an unserem Plan ist: Wir finden die Blaue Moschee bereits heute – dann sind wir morgen schneller am Ziel. Sich genauere Ortskenntnisse anzueignen, ist schließlich nicht verboten. Soweit Teil 1 des Plans. Teil 2 sah vor, dass wir auch das Foto bereits einen Tag vorab knipsen – die vom Organisationskomitee gestellte Einwegkamera wird wohl kaum ein Datum in jedes Bild stempeln, oder?

Wenige Kilometer nach unserem Fahrtantritt wurde uns verdammt schnell klar, wie wichtig und richtig der Plan war. Die Blaue Moschee war zwar hin und wieder ausgeschildert – aber an entscheidenden Stellen wie Kreuzungen, Kreiseln oder Abzweigungen fehlten nähere Angaben. So gaben alle gefundenen Hinweistafeln nur stets eine grobe Richtung vor, trotzdem näherten wir uns der Sache allmählich. Da, wo der Verkehr am dichtesten war und wo immer mehr Touristen auftauchten, musste schließlich das Zentrum sein. Genau! 3 bis 4 Mal anhalten und fragen – und dann stehen wir direkt vor der Blauen Moschee. Was kaum zu glauben war – es herrschte zwar absolutes Halteverbot, aber Stellplätze waren genügend vorhanden. Wir hatten uns anfangs die Blaue Moschee eigentlich imposanter vorgestellt, mit anderen Worten: es war von dem Gebäude nichts zu sehen. Aber ein Gebäudeschild verriet eindeutig, das wir die Rückseite der Blauen Moschee gefunden hatten. Wir waren äußerst sicher, dass die Rallyeleitung unsere Spitzfindigkeit mit Extrapunkten belohnen würde, andererseits waren wir auf spätere Diskussionen mit dem Preisgericht gefasst, falls wir die Kameltrophäe verpassen würden. „Na dann müsst ihr aber das Roadbook exakter beschreiben.“ „Es war nie die Rede davon, von welcher Seite die Moschee fotografiert werden sollte“. Wir machten übrigens Unmengen sehr schöner Bilder.

Zu den Autos vor dem Hintereingang stellte sich auch bald der eine oder andere türkische Ladenbesitzer, der dachte durch etwas Völkerverständigung ein paar hässliche Souvenirs an uns loswerden zu können.
Nachdem die Bilder im Kasten waren, machten wir neue, eigene – nicht für die Rennleitung, sondern fürs Familienalbum. Wir besichtigten die Blaue Moschee und die gegenüberliegende Hagia Sophia von außen und von innen.

Ich speziell freute mich, dass mein Presseausweis mir auch alle orientalischen Türen kostenlos öffnete. Super!
Aber der Höhepunkt des Tages folgte erst noch. Die beste Entscheidung seid langem haben Albert und ich einvernehmlich getroffen – wir lassen uns eine türkische Rasur verpassen.

Den Herren unter den Mitlesern sei gesagt: das müsst ihr machen! Absolut genial! Eine Prozedur, die aus mehreren Schritten besteht: erst wurde das Gesicht mit einem Heißwasserdampfgerät behandelt, damit sich die Poren schön öffnen. Mit einer Creme wurde die vermutlich noch geschmeidiger gemacht. Erst dann kam der Rasierschaum, der unendlich lange mit dem Rasierpinsel im Gesicht zu immer feinerem Schaum geschlagen und gerieben wurde. Die Rasur mit der messerscharfen Klinge war eine erstaunliche Wohltat - kein Kratzen oder Schaben zu spüren. Dafür zog und zerrte der Rasiermeister so geschickt an der Gesichthaut, dass sie sich - quadratmillimeterweise gestrafft - dem Messer von selbst entgegenstürzte. Das Ganze übrigens zweimal. Wenn ich daran denke, aus wie vielen Richtungen meine Problemzone (die Kinnpartie ist gemeint!) rasiert wurde, bewundere ich erneut die Hingabe und Präzisionsarbeit, die sich in meinem Gesicht abspielte. Das Bewundernswerteste überhaupt aber kam erst noch. Das Abfackeln der Ohrhaare mit einem Wegwerffeuerzeug: ein banales Gerät, das sich an jeder Supermarktkasse oder Tankstelle findet, wurde so geschickt zu einem Flammenwerfer umfunktioniert, der inner- und außerohrs so ziemlich alles versengte, was wuchern wollte. Probier ich daheim auch mal! Albert hatte weniger Glück. Er hatte einen übel gelaunten Rasiermeister erwischt, der die feurige Nummer ebenso wegließ wie den Anfang mit dem Dampfsprühgerät. Und überhaupt agierte der so schnell, dass er gleich noch Helmut rasierte. (Eine Rasur von Aui war übrigens ausgeschlossen, da es in der Türkei verboten ist, Männern mit Restalkohol den Bart wegzunehmen. Alter Brauch.) Reingefallen bin ich bei dem Barbier übrigens auch. Auf einen äußerst wohlbeleibten, sehr orientalisch wirkenden Mann, der neben mir auf seine Rasur wartete – und wie ich einen Tee aus diesen komischen kleinen Gläsern serviert bekam. Das war die Gelegenheit zuzusehen, wie man mit so einem Gläschen etikettegerecht umgeht! Das vollendete türkische Zeremoniell sah demnach so aus: Man fasst das siedendheiße Gläschen nicht direkt an, sondern führt es auf der kleinen Untertasse stehend an den Mund, spitzt die Lippen und kippt dann das ganze Ensemble ein bisschen, um den brühendheißen Tee schlückchenweise einzusaugen. Beinah hätte ich es dem Kerl nachgemacht. Da stoppte mich ein fröhlich hingeworfenes akzentfreies „Cheers“ – der Mann war Amerikaner.

Das schönste Bild des Tages schossen wir nach dem Abendessen – als es zu dämmern anfing und die Blaue Moschee, von Scheinwerfern angeleuchtet, schimmerte wie eine Illustration aus einem arabischen Märchenbuch. Das schönste und vorletzte Bild für heute!
Das definitiv letzte Bild machten wir dann, als Albert unter unserem Carlos Santana lag und den Schaden am Stoßdämpfer rechts hinten inspizierte.

Was war passiert? Mit etwa 100 Stundenkilometern waren wir in der Dunkelheit in zwei kurz hintereinander liegende Schlaglöcher gerast – dann war die Dämpfung dahin, das Federbein aus seiner Fixierung gerissen, das Öl des Stoßdämpfers auf den Asphalt getropft. Bis wir auf dem Hotelparkplatz eintrafen, mussten wir von der Fahrbahn also allerhand harte Schläge einstecken. Den Rest gaben uns dann die gespielte Anteilnahme der anderen Teams und deren schlaue Ratschläge. Sagen wir es doch mal ehrlich: die freuten sich klammheimlich! Endlich ein Schaden! So ziemlich alle Teilnehmer der Ralyle Allgäu-Orient 2007 ließen ihre Biere in der Hotelbar stehen, rannten ihre Kameras holen und wurden zu Papparazzis. Schämt euch. Unseren Santana in seiner schwersten Stunde einfach als Urlaubserinnerung zu knipsen. Geht lieber schlafen, heute war und ist noch ein bissel Ruhetag!

Montag, 11. Juni 2007

Der vierte Tag, 21.05.07: Von Nagylak nach Istanbul

Heute gefahren: 647 km

Wir verlassen das Motel nach einem ausgiebigen Frühstück gegen Acht. Da wir den Motelstandort so geschickt in Grenznähe gewählt haben, müssen wir nur einmal nach links abbiegen und schon befinden wir uns auf einer einsamen Straße, die in Richtung Grenzübergang führt. An einem Mauthäuschen halten wir an und zahlen Brückenzoll. "Wofür denn?", denke ich. Denn danach passieren wir eine Miniüberführung. Das soll es gewesen sein? Die eigentliche Brücke kommt dann und verschlägt einem den Atem: ein protziges stählernes Wunderwerk, das sich beinah endlos über die unter uns liegende, verdammt breit gewordene Donau spannt.

An dieser Brücke hat man mehr Material verbaut als am Eiffelturm! Bloß, so alt ist sie gar nicht: Die Giurgiu-Russe-Freundschaftsbrücke wurde von P. Andreew entworfen und zwischen 1952 und 1954 gebaut und am 20. Juni 1954 eröffnet. Auf zwei übereinander angeordneten Ebenen wird der Straßen- und Eisenbahnverkehr 1 Kilometer über die Donau geführt. Wir schießen ein paar eindrucksvolle Bilder, die die aus dem Nebel vor uns auftauchende Brückenkonstruktion zeigen – obwohl wir in Grenznähe unsere Kameras nie gezückt hatten. Egal, so viel Dokumentation muss sein!
Heute ist übrigens der Tag! Der Tag, an dem wir Istanbul erreichen. Um das noch zu einem halbwegs frühen Zeitpunkt und nicht als letzte zu schaffen, haben wir folgenschwere Veränderungen an unserer Routenplanung vorgenommen. Die Vorbeifahrt an der Schwarzmeerküste wurde gestrichen. Zwar sagten einige von uns, sie hätten gerne mal das Schwarze Meer gesehen. Sie wurden aber leicht mundtot gemacht mit dem Argument, dass wir die anderen Tage auch nichts gesehen hätten außer Leitplanken. Warum dies ausgerechnet heute anders sein soll? Leuchtete ein. In Bulgarien hatten wir übrigens einen treuen Begleiter. Eine Schlechtwetterfront, die mit uns durchs ganze Land zog. Bestimmt ein Drittel der Bulgarien-Durchquerung mussten wir unter erschwerten Bedingungen zurücklegen. Wolkenbrüche prasselten auf unsere Autos und unterzogen sie einer porentiefen Reinigung. Die zahlreichen Rallyeaufkleber mussten ihre ganze Klebkraft beweisen, um nicht von der Karosserie gespült zu werden. Dafür verloren die Räder des Öfteren die Bodenhaftung und wurden nach und nach zum Ablegen des Freischwimmerzeugnisses genötigt. Der Audi Quattro spritzte vor uns 6 Meter hohe Fontänen und der kleine Carlos Santana tat es ihm nach. Nicht weniger spritzig, aber umso tiefer schob er sich durch Straßen, die stellenweise bis zu 50 cm hoch überflutet waren. Ungelogen - dort unten am Straßengrund spürte man keinen Teer mehr, der ganze Belag war Sand, Kies oder Geröll gewichen.


Irgendwie wollten wir alle nur noch so schnell wie möglich weg. Bei unserem letzten Tankstopp in Bulgarien fiel uns ein, dass wir aber noch etwas brauchten: ein landestypisches Rezept. Die Aufgabe lösten wir, wie wir fanden, mit höchster Bravour - aber der Weg zur Lösung war unerwartet schwierig. Es lag an den Sprachschwierigkeiten. Die Jungs von der Tankstelle, äh dem Tankstellenkiosk, und die herbeigerufenen weiblichen Angestellten kapierten zwar schnell, dass wir irgend etwas mit „Essen“ wollten, aber was genau, konnten wir lange nicht begreiflich machen. Erst sah es so aus, als würden sie uns was kochen, dann änderte sich blitzschnell die Situation und sie zerrten Katja vor den Kühlschrank, zeigten ihre Käsevorräte. Offensichtlich dachten sie, wir wollten eben mal ihre Küche kapern oder wir seien von der EU-Lebensmittelkontrolle. Wie auch immer. Es hat am Ende geklappt. Nur, dass das bulgarische Rezept von einem türkischen Kioskbesitzer und dessen russischer Angestellten stammte, demnach in kyrillischer Landessprache verfasst war und mit Sicherheit keinen Funken Bulgari enthielt. Klasse! Um das Organisationskomitee abzuspeisen, würde das Rezept schon genügen, dachten wir. Zum Dank deckten wir die gesamte Küchencrew mit Werbegeschenken ein. Was ein Fehler war. Denn die beschenkten uns dann wiederum allzu reichlich mit Tüten eines seltsamen Getränks, auf dem Orangen und Erdbeeren abgebildet waren. Laut englischer Zutatenliste bestand es jedoch nur aus chemischen Verbindungen, die für Farbe, Geschmack und Magenschmerzen sorgten.
An der türkischen Grenze hätten wir gerne deutsche Effizienz eingeführt. Zu zeitraubend und langwierig war die Prozedur. Man muss sich vorstellen: der Grenzübertritt eines einzigen Team-Mitgliedes erforderte auf türkischer Seite schon den Einsatz von mindestens 5 Beamten und deren Vorgesetzten. Einer vergab einen Stempel, der andere kontrollierte ihn, jemand trug im PC ein, was der andere in den Pass eingetragen hatte und am Schluss stellte sich - zumindest bei Katja und mir - heraus, dass wir nicht rüber durften: „Bernd, wir haben ein Problem“, meinte der Zöllner. Unser Problem bestand darin, genau einen entscheidenden Stempel zu wenig im Pass gehabt zu haben. Also Rolle rückwärts und noch mal beim Zoll angetanzt, der das Auto dann einer Blitzinspektion unterzog, dabei diverse Bier- und Weinvorräte entdeckte und uns trotzdem schnell weiterfahren ließ. Mit Stempel. Albert und Petra hatten die falsche Schlange erwischt. Oder einen Zöllner, dessen Stempelkissen vertrocknet war. Jedenfalls dauerte bei ihnen die Prozedur am allerlängsten, so dass wir anderen schon Gelegenheit hatten, über die letzte Tagesaufgabe nachzudenken. Die hieß: „Besorgt eine türkische Flagge und schmückt Euer Auto damit.“ Ich will euch nicht allzu lange damit aufhalten, deshalb hier gleich die Lösung. Am Start in Oberstaufen hatten wir eine kleine Hamburg-Flagge geschenkt bekommen. Die tauschten wir jetzt mit großer Geste bei einem Dönerstandbesitzer am Highway Richtung Istanbul gegen eine türkische Flagge ein. Mann, das war feierlich. Wir standen da wie die Sportler beim Abspielen der Nationalhymne, er rollte das türkische Papierfähnchen vor der Übergabe sorgsam ein und dann war auch diese Aufgabe gelöst.

Wisst ihr, wann wir im Hotel bei Istanbul einliefen! Um 20.30 Uhr! Damit lagen wir noch im Mittelfeld aller Teams und das, obwohl wir nur 80 km regelwidrig Autobahn gefahren waren! Die ersten sind angeblich schon gegen 16.00 Uhr eingetroffen. Na ja, aber viele andere halt noch hinter uns. Ein mieses Hotel hatten die Veranstalter da ausgesucht – mit Einheitsessen für alle, das 11 Euro kostete und nach nix schmeckte. Andere mokierten sich über die hohen Bierpreise. 2,50 für 0,3 l.!!!!! Und das heute, wo alle Teams einen ausgezeichneten Durst hatten. Auch das war enttäuschend – dass die Leute vom Organisationskomitee als letzte ankamen. Es hieß, die hätten irgendwo noch fein zu Abend gegessen. Falls ihr das mitlest – wir hätten eine nette Begrüssungsansprache und einen gemeinsame Abendveranstaltung erwartet! Egal. Wir rächten uns an dem Hotel, indem wir eine Parkplatzparty feierten. Diverse Biere, Weinflaschen, Obstler etc. wurden vor den Augen der Kellner geleert. Aber das nicht schnell, sondern ganz laaaaangsaaaaaam. Das Ganze ging so lange, dass sich die anderen Teammitglieder irgendwann aus den müden Augen verloren und jeder nach seiner Kondition weiterfeierte oder zusammenbrach. Was zwischen 1 und 5 Uhr morgens geschah, können vielleicht Helmut und Aui berichten. Auf alle Fälle entstand in dieser Nacht die alkoholumkränzte Idee einer Fahrerwette, die für Amman mit dem Team aus Tirol fix verabredet wurde.

Donnerstag, 7. Juni 2007

Der dritte Tag, 20.05.07: Von Szeged bis nach Mako

Heute gefahren: 691 km

Kurz nach 7.00 Uhr geht es heute los. Ich will nicht nachrechnen wie weit wir schon zurückliegen und wie viel Kilometer es noch bis Istanbul sind. Wir wissen nur eines: Wir müssen fahren, fahren, fahren. Die miesen schlaglochgespickten Straßen von Rumänien erwarten uns heute, die unbeleuchteten Pferdekarren – wer immer das Stichwort Rumänien erwähnte, vergaß nicht auf die schlechte Straßensituation hinzuweisen. Ohne ein Frühstück, nur mit ein paar Schluck Nescafé im Magen, geht es los. Am Stadtrand von Szeged steuern wir einen Supermarkt an, füllen unsere Ess- und Wasservorräte auf. Am Parkplatz erleichtert mich ein Bettler um einen Euro – er spricht perfekt Deutsch und wird sich mit dem Euro die Rente aufbessern. Um 9.56 Uhr überqueren wir die rumänische Grenze bei Nagylag. Wir sind am 3. Tag unserer Rallye in Rumänien, dem Land das das Elferteam bereits am Vortag erreichte! (Saublöde Gerüchte!) Was dann über 600 km folgte, ist für die Nachwelt oder die interessierten Leser kaum berichtenswert – über Stunden sehen wir nur die Rücklichter von Lastwagen. Haste einen überholt, warten zwei neue auf dich. Und so weiter. Der Verkehr ist wirklich abartig dicht in Rumänien, das Verhältnis PKW zu Lkw in etwa 1:2. Wer auf den kurvigen Straßen vorankommen will, muss irgendwann sich ein Herz fassen und überholen – auch dann, wenn sich keine Gelegenheit bietet. Auch dann, wenn der Gegenverkehr nicht einsehbar ist. Auch dann, wenn auf der Gegenfahrbahn reger Verkehr herrscht. An einigen Stellen machen die Rumänen dann blitzschnell eine dritte Spur auf. Geht doch! Kein Wunder, dass so ein Verkehr aggressiv macht. Die Rumänen – ja, ihr könnt das ruhig mitlesen – sind die wildesten Autofahrer auf der ganzen bisherigen Strecke. Sie rasen, drängeln und verhalten sich jederzeit total lebensmüde. Der Straßenbelag dagegen ist ausgezeichnet. Keine Schlaglöcher und auch keine Pferdekarren. Nirgends auf der Strecke war die Polizeipräsenz so stark wie hier. Alle paar Kilometer liegt eine Streife mit der Laserpistole im Anschlag auf der Lauer. Die Leute, die uns soeben in Kamikaze-Manier überholt haben, sehen wir ein paar Kurven weiter am Straßenrand von der Polizei gestoppt wieder. Aber ganz unter uns: Entweder die haben Knete ohne Ende oder die Verkehrsstrafen müssen in Rumänien winzig klein sein. Auf alle Fälle rasen die Temposünder nach kurzem Stopp schon bald wieder an uns vorbei.

Bitte fragt mich nicht, was wir jetzt noch erlebt haben. Wir sind durchs ganze Gebiet der Rumäniendeutschen hindurchgefahren. Auch in Sibiu haben wir nicht angehalten. Immerhin konnten wir eines feststellen. In jedem Dorf schien nur eine Straße geteert – die, wo am schnellsten wieder hinausführt – alle Seitenstraßen waren nur mit Splitt belegt.
Doch, doch in Sibiu stoppten wir – an einem Tesco Einkaufszentrum. Eine kleine westliche Welt in der rumänischen Wüste, wo die Kellnerin auch Latte Macchiato und Cappuccino servierte, der ausnahmsweise mal nicht aus Tütenpulver gemixt war.
Nein, der Tag in Rumänien war nicht besonders spannend. Dafür das Nachtleben. Wie landeten in einem Motel ganz dicht an der bulgarischen Grenze, wo wir unser Abendessen unter 100 db Beschallung schlucken mussten. Irgendwer hatte das Motel-Restaurant gemietet und feierte dort eine lautstarke Hochzeit. Die orientalische Discomusik war jederzeit an der Schmerzgrenze. Für so ein Gedudel muss man wohl geboren sein. Aber mal ehrlich: Wer feiert denn Hochzeit in einem Motel? Entweder gaben sich zwei Fernfahrer das Ja-Wort oder zwei sonstwie Bekloppte. Zum Glück stoppten die musikalischen Gehörattacken dann kurz vor 12.00 als wir, entkräftet von der Dauerbedröhnung, zu Bett gehen wollten. Nachdem wir den Vorabend noch 100 qm genossen hatten, waren wir jetzt auf ein Viertel der Größe in einem Raum zusammengepfercht. Saudumme 10-Euro-Regel. So schliefen wir zu sechst in einem Doppelbettzimmer. Immerhin gab es darin noch ein Schlafsofa und einen orthopädisch verdächtigen Zimmerboden, den Helmut und Aui ganz für sich haben, solange sie nicht unter den Couchtisch rollen. Wobei, ob alle jederzeit schliefen, wage ich zu bezweifeln. Kaum dass wir das Licht ausgeknipst hatten, fing das Hochzeitsgedudel unter uns wieder an. Und hörte nicht mehr auf. So muss es in Guantanamo zugehen! Nur, dass der Schlafentzug dort auf höhere Weisung erfolgt und von Amnesty International angeprangert wird. Gegen den Dauerlärm war die spontane nächtliche Einlage von Petra und Albert eigentlich harmlos. Ich weiß nicht wieso die beiden plötzlich noch mal auf dem Bett herumturnten. Habe es ja nur mit einem Auge beobachtet. Aber es sah aus wie Mücken fangen. Und jetzt schlaft mal alle.
Ach so, noch was, weil ich eh nicht einschlafen kann: Wir sind in ganz Rumänien keinem anderen Team mehr begegnet. Alle anderen haben wir wohl hinter uns oder auch vor uns gelassen. Doof, dass wir genaueres wohl erst in Istanbul erfahren.

Mittwoch, 6. Juni 2007

Der zweite Tag, 19.05.07: Von Mauthausen bis nach Szeged

Heute gefahren: 656 km

Frühstück um acht. Wir sitzen im liebevoll ausstaffierten Wohnzimmer der Zimmerwirtin und setzen uns an den gedeckten Frühstückstisch, nippen am Bohnenkaffee und werden in aller Ruhe wach und wacher.



Mann haben wir Zeit! Wir plaudern und erfahren von den 11 Enkeln der Oma Auböck. Wir bewundern die bestickten Kissen und philosophieren über den Sinnspruch: „Tut der Mann der Frau das Geld hingeben, schenkt sie ihm ein schönes Leben.“ Oder so ähnlich. Wir Männer gucken skeptisch. Aber den Frauen gefällt die Weisheit. Heute steht Szeged auf dem Etappenplan – laut Helmut die zweitschönste Stadt Ungarns. Muss also ziemlich schön sein, aber noch haben wir uns nicht selbst überzeugen können. Ich träume derweil von Szegediner Gulasch. Da fällt uns gerade noch die heutige Tagesaufgabe ein. Ein österreichisches Rezept mit Käse. "Toast Hawaii" meint die Wirtin. Klingt aber so gar nicht alpenländisch. Wir einigen uns auf Topfenknödel, schließlich ist Topfen ein anderes Wort für Käse, äh Quark und irgendwie glauben alle, dass Quark ein Nebenprodukt der Käseherstellung sei. Die Wirtin schleppt zwei Kochbücher an und überfordert uns mit der Auswahl. Wir nehmen dann irgendetwas und schreiben auf:
Man nehme 250 g passierten Topfen, 1 El Nockerlgries, 1 El Mehl, 1 El Brösel, 1 EL Wasser und etwas Salz. Den Topfen mit Grieß, Bröseln und Salz vermischen und 30 Minuten ziehen lassen. Dann das Ei und das Mehl daruntermischen. Aus der Teigmasse kleine Knödel formen, diese in kochendes Salzwasser geben und 6 min ziehen lassen.
Klingt einfach, ist aber sauschwer - weil der Topfen entweder wie Sekundenkleber am Löffel pappt oder vorschnell ins heiße Wasser tropft, ohne sich um die Knödelform zu scheren.
Macht nix. Die Rennleitung muss es nachkochen! Und jetzt geht es los. Noch ein paar Gastgeschenke verteilt, die obligatorische Quittung – Übernachtung nur 10 Euro pro Person - mitgenommen und die Einladung der Wirtsleute zu einem Nuss-Schnaps ausgeschlagen. Dann sitzen wir im Auto und fahren durchs Donautal. Mann ist das schön hier!
Die Donau zieht gemächliche Schleifen, irgendwelche Klöster oder Schlösser tauchen auf und die Sonntagsfahrer vor uns gucken sich das im Schritttempo an. Wenn das so weiter geht, brauchen wir für 60 km zwei Stunden! Dann tauchen auch noch die Autos vom Schwabenpfeil vor uns auf – wie erwartet mit geringem Gasdruck auf den Pedalen. Als wir dicht hinter denen fahren, biegen sie plötzlich abrupt nach links ab, auf einen Schotterweg unter einer Unterführung durch und dann stehen wir alle in einem Steinbruch, umringt von grün angezogenen Männern, die offenbar Sprengungen vorbereiten. Wie sich später herausstellt, wollten die sich zum Tontaubenschießen zurückziehen und wurden dabei von sechs deutschen Rallyefahrzeugen gestellt. Nach einem „Hallo erstmal“, gibt es 5 Minuten Small Talk. Entfernt uns zwar von unserer eigentlichen Aufgabe, aber nett wars. Dann, beim Verlassen des Steinbruchs passiert etwas Wunderbares – die Schwabenpfeile biegen falsch ab, vermuten die Donaubrücke in der anderen Richtung. Na dann gute Fahrt, liebe Kameljäger.
Es muss so zwischen 11 und 12 Uhr sein, als wir die Gegend um Wien erreichen – etwa 15 Stunden später als geplant. Wir kurven durch winzige Dörfer, die so schön sind, dass uns hier immer mehr Rallyefahrzeuge begegnen. Jetzt aber keine billigen Gurken oder Youngtimer wie wir sie fahren, sondern echte Oldies, klassische Automobile, elegante Roadster aus Zeiten, da auch ich noch nicht geboren war.
Immer wieder stellen sich Bahnübergänge in den Weg, die von uns gewählte Straße wird zigmal vom gleichen Zug gekreuzt. Ja Himmelhergottkruzifixnochmal!
Dann sind wir in Ungarn. Passieren die Grenze bei Sopron gegen 13.00 Uhr. Geschafft! Wir feiern das gleich mal mit einem Mittagessen. Es sieht ganz so aus, als beginnt nun der erfreuliche Teil der Reise. Für einen Betrag von umgerechnet 6 Euro tischen die freundlichen Ungarn wahre Fleischberge auf. Glückliche Ungarn! Wer solche Grillplatten hat, braucht keine Döner! Sprachschwierigkeiten gibt es erst beim Bezahlen – anstatt die verzehrten Speisen abzurechnen, nimmt ein freudiger Kellner unsere Bestellung noch mal auf und will die Information umgehend an die Küche weitergeben. Es ist beinah schon 15.00 Uhr als wir weiterfahren. Sopron-Szeged, das sind 300 km – schaffen wir in 5 Stunden.
Keine Ahnung wieso wir es nicht geschafft haben. An den Straßen kann es kaum gelegen haben, sie zogen sich durch liebliche Dörfer schnurgerade dahin. Ungarn ist flach wie eine Flunder, selbst die netten Häuschen bringen es nur auf eine eingeschossige Bauweise. Wir rollen an ihnen vorbei und staunen: Wir haben offenbar die Straße der Störche erwischt. In jedem Dörfchen gibt es gleich mehrere Storchennester – und jedes wird bebrütet. Die Storchennester sind dabei gar nicht hoch angebracht – 15 bis 20 Meter denke ich, sie ruhen auf Strom- oder Lampenmasten. Dass man ohne Beachtung der Verkehrsregeln und Geschwindigkeitslimits schneller vorankommt, sehen wir ein kurzes Stück später. In einem Affenzahn rast das Elferteam – die warn’s doch oder? – an uns vorbei. Na, deren Strafzettel wollen wir mal sehn!
Und wo bleibt bei diesem Höllentempo das Sightseeing? Sicher ist das Elferteam auch an dem leckeren Wurststand vorbeigerast, den wir am Straßenrand entdeckten. Paprika getrocknet, Paprikapulver und mit Paprika gewürzte Salamis – mehr bieten die Menschen hierzulande nicht feil. An einem Stand, wo die Würste so friedlich baumeln wie die Kugeln an der Weihnachtstanne kaufen wir ein Kilo. Zu wenig! Die Wurst schmeckt dermaßen gut, nahezu unglaublich lecker und das merken auch die Teamkollegen. Nach ein paar Kilometern ist sie gegessen. Ade du Gute! Ach wenn es doch einen Internetshop gäbe, wo ich dich online nachbestellen könnte!!
In den Präambeln zur Rallye Allgäu Orient heißt es, die Rallye diene der Völkerverständigung. Das können die Macher aber nicht in vollem Bewusstsein geschrieben haben. Denn wer sich der Völkerverständigung widmet, muss zwangsläufig das Lenkrad loslassen und damit auf den Sieg und das Kamel verzichten.
Als wir gegen 23.00 Uhr in Szeged eintreffen, sind wir wieder mal viel zu spät – ich schätze gegenüber der Planung (am grünen oder braunen Tisch von Hasmillers Wohnzimmer) haben wir erneut ein paar Stunden eingebüßt. Und Zimmer haben wir auch noch keins. Denn jetzt trifft uns ein weiterer folgenschwerer Faux Pas mit unvermittelter Härte: Ganz Szeged feiert. Ohne uns! Das berühmte Weinfest findet statt, wir hören Musik und fröhliche Menschen, sehen um die Ecke ein paar Wein- und Imbissstände hervorblitzen, müssen uns aber erstmal um einen Schlafplatz kümmern. Katja spricht einen jungen Mann an. Volltreffer. Der Typ steigt nach langem Palaver in den Audi und lotst uns zur Jugendherberge. Fehlanzeige. Alle Zimmer belegt. Dann steuern wir die Pensionen in der Nähe an. Währenddessen brennen die Szegeder zum Ende des Weinfestes oder zu unserer Begrüßung ein Feuerwerk ab. Herrlich, aber ein Schlafplatz wäre uns lieber gewesen. Den bekommen wir dann auch, als wir zu einer Gruppe wohlhabender Ungarn stoßen, die sich offenbar an einen Bekannten erinnern, der über ein leerstehendes Gebäude in der Innenstadt verfügt. Das ist zwar schwer renovierungsbedürftig, aber billig!



Wir mieten zwei Etagen, verfügen so über 200 qm Wohnfläche, zwei Klos, zwei Küchen und etwa 30 Betten, die wohl nicht zum ersten Mal als Notunterkünfte dienen. Solange wir nicht in den Betten liegen, sondern noch am Küchentisch sitzen, fühlen wir uns pudelwohl. Nach ein paar Glas Wein und zwei Schnäpsen geht es uns sogar richtig gut. Dass es in den Ecken vor Mäusekot wimmelt, entdecken wir erst am nächsten Morgen als wir die Koffer wieder ins Auto räumen.
Und wie war Ungarn so? Keine Ahnung. Auf jeden Fall viel zu lang.

Das Rezept aus Ungarn. Ja, das haben wir quasi so nebenbei erledigt. Helmuts Kontakten zur ungarischen Damenwelt sei Dank.



Bei der freundlichen Alexandra (eine SMS-Freundschaft?) laufen wir am Nachmittag ein. Keine Ahnung woher sich die beiden kennen. Aber hilfsbereit ist sie. Auf der Straße verrät sie uns ein Rezept für „Langos“. Und das obwohl sie drei Handicaps hat:
Erstens ist sie gerade am Streichen ihrer neuen Wohnung.
Zweitens kann sie nicht kochen.
Drittens haben wir sie überrumpelt.
Wir erhalten erste Bruchstücke eines Rezeptes, das sie von ihrer Nachbarin geholt hat, sofort und auf der Stelle. Ehrlich und gewissenhaft wie die Ungarinnen nun mal sind, reicht sie uns per SMS eine kochbare Fassung nach. Das ganze Rezept gibt es dann morgen, wenn ich es eingescannt habe. Aber bitte keine Rückfragen!